Hallo Leute, ich nehm daheim in kleinem Rahmen ein paar Lieder auf und bin gerade beim Singen. Ich hab jetzt keine speziell technische Frage, sondern mich würde einfach interessieren, wie Gesangsaufnahmen unter professionlle(ere)n Bedingungen ablaufen. Also, wird da eher in einem Take durchgesungen oder ist das, was man nachher hört, die Zusammenstellung der besten 750 Einzelschnippsel. Ich vermute mal, allgemeiner Tenor dürfte sein, dass es dafür keine allgemeingültigen Regeln gibt. Mich würde trotzdem interessieren, was diejenigen von Euch, die selber im Studio arbeiten, schon alles erlebt haben und was Ihr glaubt, mit welchem Vorgehen man am ehesten eine Gesangslinie hinkriegt, bei der alle Töne 'sitzen', die aber aufgrund von zuvielen Overdubs auch nicht zerstückelt wirkt oder etwas einbüßt von der natürlichen Dynamik des Stückes. Ich hab beispielsweise oft das Problem, dass ich strophenweise einsinge und zwar so, dass ich irgendwann mit allen Strophen zufrieden bin, diese dann aber so unterschiedlich klingen, dass ich im Grunde alle bis auf eine gleich wieder wegschmeissen kann. Wie gesagt, ist keine technische Frage, aber vielleicht gibts ja unter Euch ein paar Gesangsphilosophen, die Lust haben, Ihre Gedanken zu teilen. Gruß Steffen
Hallo Steffen, Ich erkenne nicht ganz aus Deinem Schrieb, ob es sich dabei um einen Solisten oder um einen Chor handelt. Aber wie dem auch sei, ob Solist(in) oder Chor: ein Patentrezept gibt es nicht. Man muß von Fall zu Fall entscheiden was man macht. Bei Chorproduktionen habe ich es schon gehabt, daß ich im einen Fall strophenweise aufnehmen konnte, im anderen Fall auch nur Teile aus den Strophen aufnehmen mußte. Es kommt auf die Qualifikation der Sänger an: Hat man es mit Profis oder auch sehr erfahrenen Laien zu tun (die möglichst noch von Profis geleitet werden) dann kann man durchaus auch mal einzelne Takte singen lassen. Hat man es aber mit Laien zu tun, dann muß man oftmals ganze Strophen wiederholen, wobei bei a-capella-Stücken das Ganze zu einer Affendressur werden kann, weil Laienchöre/-sänger oft nicht über ein längeres Stück die Tonhöhe halten können und Intonationsprobleme haben. Jedenfalls hatte ich bei meiner letzten großen Chorproduktion über 300 Takes und 5 Tage Arbeit am Schnittplatz... Allerdings ist die große Anzahl Takes keineswegs ein Zeichen von schlechten Sängern. Oftmals ist es gerade bei Profis so, daß die weit mehr Takes aufnehmen lassen als Laiensänger/-chöre. Also es soll niemand denken: je mehr Schnitte desto schlechter die Musiker. Eher das Gegenteil ist der Fall. Grüße Rainer G.
Der Rekord waren ca. 200 Takes bei einem 4-min Song. Die Sängerin war einfach nicht gut genug, um auch nur eine Strophe am Stück auf den Punkt zu bringen. Zum Teil wurden einzelne Worte ausgebessert, an Feinheiten des Gesangslinie zu arbeiten, war völlig undenkbar. Ohne Harddiskrekorder wäre da auch keine Aufnahme in akzeptabler Qualität möglich gewesen. Generell sollte man schon versuchen, zumindest einzelne Strophen am Stück aufzunehmen. Wichtig ist, rechtzeitig Pausen zu machen, wenn der Sänger sich an einem Part wirklich verrannt hat, und auch mit weniger perfekten Takes zu leben, wenn es in sich stimmig ist. Man muß halt einschätzen, was der Sänger überhaupt kann. Wenn er schon Probleme hat, die Eins zu finden, macht es keine Sinn über Feinheiten der Phrasierung zu diskutieren. Wenn ein Sänger technisch sehr gut ist, kann man das Hauptaugenmerk auf guten Ausdruck etc. legen. Patentrezepte gibt es leider nicht. Man muß auch aufpassen, wie man den Sänger kritisert. Manchem kann man einfach sagen 'Das war Scheiße... nochmal' bei anderen lieber 'Das Vibrato am Ende ist 'ne interessante Variante. Lass es uns zum Vergleich noch mal ohne probieren.' Marcel
hi gesangsphilosophie, das ist gut! also, ich versuche so weit wie es geht, sachen, die context mäßisch zusammengehören auch als einen take zu machen. das ist mir echt wichtig, mal extrem ausgedrückt: ansonsten könnte man ja den sänger auch "samplen", 20 mal "A", "E" u. "T", ein paar mal "OHH" etc, und dann den gesang sequenzen. mal im ernst, so weit ist es doch bald, ich will nur mal an Roland mit diesem "VariPhrase" sampler erinnern... aber stückelgesang reißt zum glück niemanden weg. was wirklich fesselt ist doch ein sänger oder eine sängerin, die uns etwas erzählt. wenn da irgendwo ein "abbruch" ist, hört man das vielleicht nicht, aber man spürt es! andererseits, wenn es da z.b. eine strophe gäbe, und im anschluß einen chorus mit backings in ganz anderen grundcharakter, wüßte ich nicht, warum das zusammenhängend aufgenommen werden sollte; im gegenteil, da ist es sogar bessor, sich auf die eine sache zu konzentrieren und dann auf die andere, schon ist da ein kontrast entstanden. ich denke übrigens, daß, je professioneller und besser der sänger ist, umso mehr ganze takes stehenbleiben, die dann alle gut sind, aber man muß sich halt entscheiden, welcher take am besten zum stück und vielleicht anderen vocal spuren paßt. wollte man dann innerhalb einer sequenz stückeln, klingt es falsch und besch*****, weil eben die vibes nicht zusammenpassen. bei einem laien wiederum mögen villeicht auch viele aufnahmen zusammenkommen, ich tu mich aber schwer das "takes" zu nennen, ist halt eher rohmaterial... man wird kaum einen zusammenhängenden, geilen take finden, sondern schneidet gute momente aus den verschiedenen aufnahmen zusammen. klingt dann letztlich vielleicht sogar fast so gut wie von einem könner, weil der laie sich auf die details konzentrieren MUSS und die einzelnen passagen dann im detail okay sind und fließbandmäßisch gleich, so daß man beim cutten recht frei agieren kann. aber der kick eines könners fehlt halt trotzdem... okay, das sollte jetzt wahrlich kein dogma sein, das ist die summe meiner erlebnisse und denkerei. was meint ihr dazu? greetz
was wirklich fesselt ist doch ein sänger oder eine sängerin, die uns etwas erzählt. wenn da irgendwo ein "abbruch" ist, hört man das vielleicht nicht, aber man spürt es! Hi nochmal, die Aussage fand ich für mich am fruchtbarsten. Ich hab auch schon Passagen so zusammengestückelt, das eigentlich alles richtig war, aber trotzdem hat man irgendwie gespürt, dass es das so auch nicht ist.
Ich hab auch schon Passagen so zusammengestückelt, das eigentlich alles richtig war, aber trotzdem hat man irgendwie gespürt, dass es das so auch nicht ist.
Kann man nicht verallgemeinern. Ich habe schon einzelne Silben/Worte ersetzt ohne dass man was merkt. Andererseit habe ich schon vergeblich versucht aus zwei Takes einen zu machen, weil es pegelmässig (hätte man ja noch hingekriegt) und vom Ausdruck einfach nicht gepasst hat. Obwohl beide Takes in sich ganz gut waren. (abgesehen von den auzubügelnden Fehlern) Am besten ist es ganze Abschnitte (z.B. Strophe, Strophenteil) immer am Stück singen zu lassen. Je nachdem wie viel Pause zwischen den Zeilen/worten ist.