Hallo Kollegen,
Anläßlich des von Jens angesprochenen Themas "Großmembranmikrofon" möchte ich mal konkret die Frage stellen, was eigentlich einen Tonschaffenden dazu bewegt, Großmembranmikrofone zu verwenden. Betrachtet man nämlich mal die Frequenzgänge und die Richtkennlinien, so muß man feststellen, daß diese alles andere als ideal sind. Der Frequenzgang im Hochtonbereich beginnt schon relativ "früh" wellig zu werden weil die Kapselabmessungen im Bereich der Wellenlängen der mittleren Frequenzen liegen. Bereits bei 5 kHz liegt die Halbwellenlänge im Bereich der Kapseldurchmesser. Weiterhin haben großmembranige Kapseln die als Druckgradientenempfänger konstruiert sind eine stark frequenzabhängige Richtcharakteristik. Bei tiefen Frequenzen erfolgt nur noch schwache Richtwirkung womit das Mikrofon einen großen Raumanteil aufnimmt, bei hohen Frequenzen wird die Richtwirkung vorwiegend durch Druckstau erreicht. Der damit einhergehende Diffusfeldfrequenzgang und die mit der großen Kapsel verbundene Klangfärbung im Mittenbereich ist nicht zu überhören. Ich frage mich, ob das dann wirklich im Sinne einer neutralen Übertragung sein kann, die ja ein Mikrofon haben sollte. Denn einen bestimmten "Sound" zu erzeugen kann man mit entsprechenden Effektgeräten viel gezielter.
Auch die immer wieder gehörte Meinung, daß großmembranige Mikrofone bessere Eigenschaften im Baßbereich hätten ist falsch. Bei Druckempfängern spielt es überhaupt keine Rolle wie groß die Kapsel ist. Bei Druckgradientenempfängern ist der Frequenzgang auf Achse gemessen genauso im Baßbereich abfallend wie bei Kleinmembranmikrofonen. Nur aufgrund der oben erwähnten Aufweitung der Nierencharakteristik zur Kugel hin ergibt sich ein größerer Diffusschallanteil im Baßbereich was von vielen als "mehr Baß" empfunden wird.
Auch muß dem Vergleich mit großen Lautsprechermembranen - ich beschrieb es in einem früheren Posting schon einmal - widersprochen werden. LS und Mikrofone sind vom physikalischen Prinzip her reversible Wandler, doch bei LS braucht man für die Baßwiedergabe LEISTUNG und diese erreicht man eben nur mit der Bewegung großer Luftvolumina was eine entsprechende Membrangröße voraussezt. Mikrofone dagegen sollen nur einen Sensor im Schallfeld darstellen. Jeder der die Wellentheorie und Wellenmechanik verstanden hat, wird sofort auch verstehen, daß ein solcher Sensor nicht klein genug sein kann um nicht Beugungserscheinungen entstehen zu lassen. Und diese Beugungserscheinungen sind ein Hauptgrund für die Frequenzgang- und Richcharakteristikverfälschende Wirkung großer Mikrofone. Dabei spielt auch im hohen Maße das Gehäuse der Mikrofone mit!
Ein weiterer Nachteil der großmembranigen Mikrofone ist die erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Körperschall aufgrund der größeren Membran- und Kapselmasse. Die schon unten im Thread mit Jens erwähnte Pop-Emfpindlichkeit ist bei großmembranigen M. größer als bei kleinen. Wenn eine andere Feststellung getroffen wird, liegt das an der Druckkammerwirkung des Korbs (siehe mein Posting ans Jens).
Physikalisch gesehen gibt es keinen Grund, großmembranige Mikrofone zu bauen.
Da fragt man sich, warum werden sie gebaut? Ich bin mir sicher, daß keiner der Entwickler ein "Überzeugungstäter" ist, sondern hier reine marktpolitische Entscheidungen getroffen werden. Der frühere Entwickler eines renommierten Mikrofonherstellers hat einmal zu einem seiner Konkurrenten gesagt, daß er einfach nicht versteht, warum die Leute so gerne Großmembranmikrofon haben wollen. Und er mußte in seiner Firma auch großmembranige Mikrofone bauen. Er selbst hätte lieber kleinmembranige gebaut.
Ein anderer Entwickler von Kleinmembranmikrofonen wurde auf einer Messe von einem Künslter gefragt ob er denn keine "Studiomikrofone" bauen würde. Er sagte ihm, daß er nur Studiomikrofone baut! Darauf meinte der Künstler, daß er vergeblich nach großen Mikrofonen gesucht habe und auch sein Manager besteht immer auf einem bestimmten Großmembranmikrofon. Als man dann im Blindtest dem Künstler und seinem Manager den Klangunterschiede zwischen dem Klein- und dem Großmembranmikrofon vorgeführt hatte, gingen beiden plötzlich die Ohren auf uns es gefiel ihnen vom Klang her eindeutig das Kleinmembranmikrofon besser.
Ich habe bei meinen obigen Betrachtungen stillschweigend vorausgesetzt, daß es sich um Druckgradientenempänger handet. Bei reinen Druckempfänger gibt es überhaupt keinen Grund, großmembranige Kapseln zu bauen. Ihr Verhalten im Baßbereich unterscheidet sich überhaupt nich von kleinmembranigen. Und die im Hochtonbereich wird die sonst gewünschte Kugelcharakteristik aufgrund des Druckstaus zu einer Keule und der Diffusfeldfrequenzgang fällt im Hochtonbereich noch mehr ab.
Seien wir ehrlich: Der Mythos des Großmembranmikrofon ist im Grunde genommen nur der SHOWEFFEKT und nicht der klangliche und physikalische Aspekt.
Ich habe nichts gegen die Neumann U87 (zugegeben: ich benutze diese auch, vor allem auch wegend er umschaltbaren Richtcharakteristik) und meinetwegen sollen die Amerikaner auch die bekannte "Fahrradlampe" von Shure benutzen. Vermutlich liegt es aber nur an der Dummheit der Manager und ihrer beharrlichen Weigerung mal was anderes zu probieren und vermutlich hat ihnen auch noch keiner mal einen objektiven Blindvergleich vorgeführt, dann würde bestimmt mancher seine "Religion" revidieren. Und die Amerikaner sind da noch schlimer als die Europäer! Es würde mich nicht wundern wenn eines Tages auf Druck der Manager und (der physikalisch meist völlig ungebildeten) die alte CMV von Neumann wieder auf dem Markt wäre....
Ich will hier niemand persönlich angreifen, aber man sollte mal anfangen über den rein psychologischen Faktor vs. der physikalischen Tatsachen nachzudenken.
Zu diesem Aspekt lese man mal in den Mikrofonaufsätzen von Jörg Wuttke (Schoeps) den Aufsatz "Das Mikrofon zwischen Physik und Emotionen".
Und überhaupt stehe ich auf dem Standpunkt, daß man mal den emotionalen Faktor der mit der Anwendung bestimmte Geräte verbunden ist überdenkt, dann wird man sehen, daß auch selbst Profis nicht immer rationalen Überlegungen folgen sondern sich auch hin und wieder von irrationalen Gedanken leiten lassen. Nur nicht ganz so schlimm wie in der Hifi-Szene.
Um den speziellen Wünschen der Anwender nach zu kommen hat die Firma Schoeps ein Mikrofonsystem entwickelt, was mit kleinmembranigen Kapseln die Eigenschaften eines Großmembransystems erzeugt und darüber hinaus noch Möglichkeiten gestattet, die bisher mit keinem Großmembranmikrofon möglich waren. Gemeint ist hier das System "Polarflex" was vor ein paar Wochen mal im Gespräch war. Jörg Wuttke von Schoeps hat auf meine Bitte hin hier einen Artikel geschrieben, den ich als Link nocheinmal in Erinnerung rufen möchte.
Grüße
Rainer
Polarflex
Anläßlich des von Jens angesprochenen Themas "Großmembranmikrofon" möchte ich mal konkret die Frage stellen, was eigentlich einen Tonschaffenden dazu bewegt, Großmembranmikrofone zu verwenden. Betrachtet man nämlich mal die Frequenzgänge und die Richtkennlinien, so muß man feststellen, daß diese alles andere als ideal sind. Der Frequenzgang im Hochtonbereich beginnt schon relativ "früh" wellig zu werden weil die Kapselabmessungen im Bereich der Wellenlängen der mittleren Frequenzen liegen. Bereits bei 5 kHz liegt die Halbwellenlänge im Bereich der Kapseldurchmesser. Weiterhin haben großmembranige Kapseln die als Druckgradientenempfänger konstruiert sind eine stark frequenzabhängige Richtcharakteristik. Bei tiefen Frequenzen erfolgt nur noch schwache Richtwirkung womit das Mikrofon einen großen Raumanteil aufnimmt, bei hohen Frequenzen wird die Richtwirkung vorwiegend durch Druckstau erreicht. Der damit einhergehende Diffusfeldfrequenzgang und die mit der großen Kapsel verbundene Klangfärbung im Mittenbereich ist nicht zu überhören. Ich frage mich, ob das dann wirklich im Sinne einer neutralen Übertragung sein kann, die ja ein Mikrofon haben sollte. Denn einen bestimmten "Sound" zu erzeugen kann man mit entsprechenden Effektgeräten viel gezielter.
Auch die immer wieder gehörte Meinung, daß großmembranige Mikrofone bessere Eigenschaften im Baßbereich hätten ist falsch. Bei Druckempfängern spielt es überhaupt keine Rolle wie groß die Kapsel ist. Bei Druckgradientenempfängern ist der Frequenzgang auf Achse gemessen genauso im Baßbereich abfallend wie bei Kleinmembranmikrofonen. Nur aufgrund der oben erwähnten Aufweitung der Nierencharakteristik zur Kugel hin ergibt sich ein größerer Diffusschallanteil im Baßbereich was von vielen als "mehr Baß" empfunden wird.
Auch muß dem Vergleich mit großen Lautsprechermembranen - ich beschrieb es in einem früheren Posting schon einmal - widersprochen werden. LS und Mikrofone sind vom physikalischen Prinzip her reversible Wandler, doch bei LS braucht man für die Baßwiedergabe LEISTUNG und diese erreicht man eben nur mit der Bewegung großer Luftvolumina was eine entsprechende Membrangröße voraussezt. Mikrofone dagegen sollen nur einen Sensor im Schallfeld darstellen. Jeder der die Wellentheorie und Wellenmechanik verstanden hat, wird sofort auch verstehen, daß ein solcher Sensor nicht klein genug sein kann um nicht Beugungserscheinungen entstehen zu lassen. Und diese Beugungserscheinungen sind ein Hauptgrund für die Frequenzgang- und Richcharakteristikverfälschende Wirkung großer Mikrofone. Dabei spielt auch im hohen Maße das Gehäuse der Mikrofone mit!
Ein weiterer Nachteil der großmembranigen Mikrofone ist die erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Körperschall aufgrund der größeren Membran- und Kapselmasse. Die schon unten im Thread mit Jens erwähnte Pop-Emfpindlichkeit ist bei großmembranigen M. größer als bei kleinen. Wenn eine andere Feststellung getroffen wird, liegt das an der Druckkammerwirkung des Korbs (siehe mein Posting ans Jens).
Physikalisch gesehen gibt es keinen Grund, großmembranige Mikrofone zu bauen.
Da fragt man sich, warum werden sie gebaut? Ich bin mir sicher, daß keiner der Entwickler ein "Überzeugungstäter" ist, sondern hier reine marktpolitische Entscheidungen getroffen werden. Der frühere Entwickler eines renommierten Mikrofonherstellers hat einmal zu einem seiner Konkurrenten gesagt, daß er einfach nicht versteht, warum die Leute so gerne Großmembranmikrofon haben wollen. Und er mußte in seiner Firma auch großmembranige Mikrofone bauen. Er selbst hätte lieber kleinmembranige gebaut.
Ein anderer Entwickler von Kleinmembranmikrofonen wurde auf einer Messe von einem Künslter gefragt ob er denn keine "Studiomikrofone" bauen würde. Er sagte ihm, daß er nur Studiomikrofone baut! Darauf meinte der Künstler, daß er vergeblich nach großen Mikrofonen gesucht habe und auch sein Manager besteht immer auf einem bestimmten Großmembranmikrofon. Als man dann im Blindtest dem Künstler und seinem Manager den Klangunterschiede zwischen dem Klein- und dem Großmembranmikrofon vorgeführt hatte, gingen beiden plötzlich die Ohren auf uns es gefiel ihnen vom Klang her eindeutig das Kleinmembranmikrofon besser.
Ich habe bei meinen obigen Betrachtungen stillschweigend vorausgesetzt, daß es sich um Druckgradientenempänger handet. Bei reinen Druckempfänger gibt es überhaupt keinen Grund, großmembranige Kapseln zu bauen. Ihr Verhalten im Baßbereich unterscheidet sich überhaupt nich von kleinmembranigen. Und die im Hochtonbereich wird die sonst gewünschte Kugelcharakteristik aufgrund des Druckstaus zu einer Keule und der Diffusfeldfrequenzgang fällt im Hochtonbereich noch mehr ab.
Seien wir ehrlich: Der Mythos des Großmembranmikrofon ist im Grunde genommen nur der SHOWEFFEKT und nicht der klangliche und physikalische Aspekt.
Ich habe nichts gegen die Neumann U87 (zugegeben: ich benutze diese auch, vor allem auch wegend er umschaltbaren Richtcharakteristik) und meinetwegen sollen die Amerikaner auch die bekannte "Fahrradlampe" von Shure benutzen. Vermutlich liegt es aber nur an der Dummheit der Manager und ihrer beharrlichen Weigerung mal was anderes zu probieren und vermutlich hat ihnen auch noch keiner mal einen objektiven Blindvergleich vorgeführt, dann würde bestimmt mancher seine "Religion" revidieren. Und die Amerikaner sind da noch schlimer als die Europäer! Es würde mich nicht wundern wenn eines Tages auf Druck der Manager und (der physikalisch meist völlig ungebildeten) die alte CMV von Neumann wieder auf dem Markt wäre....
Ich will hier niemand persönlich angreifen, aber man sollte mal anfangen über den rein psychologischen Faktor vs. der physikalischen Tatsachen nachzudenken.
Zu diesem Aspekt lese man mal in den Mikrofonaufsätzen von Jörg Wuttke (Schoeps) den Aufsatz "Das Mikrofon zwischen Physik und Emotionen".
Und überhaupt stehe ich auf dem Standpunkt, daß man mal den emotionalen Faktor der mit der Anwendung bestimmte Geräte verbunden ist überdenkt, dann wird man sehen, daß auch selbst Profis nicht immer rationalen Überlegungen folgen sondern sich auch hin und wieder von irrationalen Gedanken leiten lassen. Nur nicht ganz so schlimm wie in der Hifi-Szene.
Um den speziellen Wünschen der Anwender nach zu kommen hat die Firma Schoeps ein Mikrofonsystem entwickelt, was mit kleinmembranigen Kapseln die Eigenschaften eines Großmembransystems erzeugt und darüber hinaus noch Möglichkeiten gestattet, die bisher mit keinem Großmembranmikrofon möglich waren. Gemeint ist hier das System "Polarflex" was vor ein paar Wochen mal im Gespräch war. Jörg Wuttke von Schoeps hat auf meine Bitte hin hier einen Artikel geschrieben, den ich als Link nocheinmal in Erinnerung rufen möchte.
Grüße
Rainer
Polarflex
