Worst-case-Mikrophonie

Erstellt 4 Antworten5 Beiträge
Startbeitrag#1
Hallo allerseits,
mir geht es um Mikrophonie bei Klassik-Liveaufnahmen.
Ich weiß, wie man normalerweise ein ordenliche Aufnahme macht: Abhöre mitbringen, möglichst in einem Nebenraum aufbauen und probehören, ändern, probehören, ändern, ...
Aber vielleicht hat auch jemand von euch schon erlebt, daß man nicht immer den nötigen Aufwand betreiben kann/will, daß der Zeitplan eng ist, die Interpreten nicht so kooperationswütig.
Was also, wenn man kaum oder keine Gelegenheit hat (der keinen Platz), die Mikros optimal aufzustellen und wenn man nur per Kopfhörer kontrollieren kann?
Meine Idee: ORTF und die Mikros in einem halbewegs vernünftigen Winkel/Abstand aufstellen und ansonsten hoffen und beten. - Oder gibt es bessere Möglichkeiten?)
Für Erfahrungen wäre ich sehr dankbar!!
Beste Grüße,
CJB
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Antwort#2
da würde ich eher M/S empfehlen. Da hast du den großen Vorteil, das du den Aufnahmewinkel nachträglich ändern kannst (nach der dematrizierung über den Pegel des S-Signals)
Aber mit ein bißchen Übung und Rechnerei kommt man auch mit ORTF sehr gut klar. Ich höre vor Ort immer nur mit Kopfhörer ab und hatte bisher noch keine Probleme. Schwieriger wirds allerdings wenn du stützen mußt und nur 2tk aufnehmen kannst, dann führt meiner bescheidenen meinung nach an einer guten abhöre kein weg vorbei.
aber rainer und der tonzauberer können dir da sicherlich mehr zu sagen.
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Antwort#3
Wenn Kopfhörer, dann aber nur geschlossene. Da Du bei offenen oder halboffenen Systemen nicht nur die Siganle der Mikros hörst, sondern auch das, was im Saal (oder wo auch immer) zu hören ist. Dadurch hast Du im Kopfhörer einen überstarken, verfälschten Raumeindruck.
Gruß Uvo
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Antwort#4
Hallo Christian,
erkundige Dich mal bei Eberhard Sengpiel (Link) über die grundsätzlichen Unterschiede zwischen XY (fast kompatibel zu M/S) und ORTF und entscheide Dich dann für ein System. Ich habe beide schon praktiziert, ein ordentliches Ergebnis gab´s immer, auch ohne großes Probieren. Bei überwiegendem Chorgesang bevorzuge ich persönlich ORTF, bei baßlastigen Orchestrierungen eher M/S, ist aber reine Geschmacksache. Im Zwiefelsfall 4 Spuren opfern und beide Systeme gleichzeitig, dann kannst Du Dich hinterher entscheiden.
Martin

Eberhard Sengpiel
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Antwort#5
Hallo Christian,
Ich mache meine ganzen Klassikaufnahmen - überhaupt alle Aufnahmen - außerhalb, weil ich es i.d.R. mit großen Ensembles zu tun habe (Chor+Sinfonieorchester+Solisten, aber auch andere). Nur die Nachbearbeitung und Mastering mache ich zu hause.
Wenn es richtige Produktionen sind, die ohne Publikum stattfinden, baue ich alles in einem Nebenraum auf, der genügend schallgeschützt ist gegen den Aufnahmeraum. Uber Kommandogerät mit Rotlichtsignalisation und Kamera-Monitor bin ich dann mit dem Aufnahmegeschehen verbunden.
Bei Liveaufnahmen sitze ich dazu im Auto das als kleiner Ü-Wagen eingerichtet ist und ebenfalls per Kamera-Monitor mit dem Aufnahmeraum verbunden ist.
Abhören tue ich dabei zwangsläufig nur mit KH und zwar bei großen Aufnahmen mit dem Stax SR-Lambda-Pro in Diffusfeldentzerrung. Bei kleinen Aufnahmen genügt mit der alt bewährte Sennheiser HD 424. Es ist eine Frage der Gewöhnung und Erfahrung, wenn man mit Kopfhörer abhören muß. Mit der Zeit weiß man wie man mischen muß, damit es auch auf Lautsprechern hinterher so klingt wie man es wünscht. Man muß i.d.R. mit KH den Raumeindruck etwas "schlechter" wählen als man zunächst geneigt ist, dann klingt es auch auf LS gut. Auch bei Anwendung von Stützmikrofonen ist das so.
Bei großen Orchestern benutze ich i.A. die übliche Technik "Haupt/Stüzmikrofon", wenngleich die Trennung zwischen "Hauptsystem" und "Stützen" nicht so graß zu sehen ist. Wie Eberhard Sengpiel sagt: Alles sind "Hauptmikrofone".
Für diese sog. "Hauptmikrofon" benutze ich bei großen Klangkörpern (also Chor+Orchester+Soli) eine M/S und zwar mit KUGEL als M-Komponente. Ich betone dies deshalb, weil die meisten M/S-Anwender eine Niere für den M-Kanal benutzen. Durch die Anwendung der Kugel - am besten ein echter (Einmembran)Druckempfänger - bekommt man auch die Vorteile der Kugel, nämlich die gute Baßübertragung. Und weiterhin hat M/S den Vorteil, daß man sehr leicht vom Mischpult aus die Basisbreite beeinflussen kann. Noch ein weiterer Vorteil den M/S auszeichnet: Man kann für den S-Kanal einen anderen Frequenzgang einstellen wie für den M-Kanal und hat dadurch noch die Möglichkeit, in kritischen Situationen den Tieftonanteil im S-Kanal abzuschwächen und für tiefe Frequenzen die Basisbreite etwas kleiner zu halten, denn bei starken Reflexionen von den Wänden hat gerade das M/S-Verfahren die unangenehme Eigenschaft, daß es Richtungsinversionen gibt.
Ist bei dem ganzen Klangkörper noch ein Chor dabei, verwende ich für diesen grundsätzlich weitere Mikrofone die man sowohl als "Stützen" als auch als Hauptsystem definieren kann. Denn ohne diese kommmt es sonst häufig dazu, daß der Chor zu sehr im Hintergrund verschwindet und die Textverständlichkeit leidet.
ORTF benutze ich selten, weil es den Nachteil der Druckgradientenempfänger hat. Und X/Y nur bei sehr kleinen Ensembles (z.B. Streichquartett).
Die Stützen setze ich dabei nach Bedarf. Am besten, bei der Probe mal anhören wie es im Saal klingt, dann kann man zumindest schon ungefähr sagen, welche Instrumente bzw. welche Instrumentengruppe gestützt werden muß.
Was ich auch hin und wieder machen muß bei geringem Platzbedarf: Die Mikrofone abhängen. Aber dies ist mir in jeder Hinsicht ein Gräuel, weil man a) niemals den richtigen Anstellwinkel bekommt (ein Nierenmikrofon was senkrecht nach unten zeigt wirkt auf die Schallquelle bezogen wie eine Kugel) und b) kaum Veränderungen möglich sind. Sowas sollte man also nur machen wenn man bekannte Räume hat wo man schon mehrmals aufgenommen hat.
Ansonsten empfehle ich in solche Situationen wo wenig Zeit zur Verfügung steht: Erst mal das Hauptsystem abhören, und dann vorsichtig die Stützen dazumischen.
Auch ein Korrelationsmesser ist dabei hilfreich. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß der beste Stereoeffekt entsteht wenn der Korrelationsgrad zwischen -0,1 und +0,3 liegt.
Nutze auf jeden Fall die gesamte Probenzeit des Ensembles wenn es irgendwie möglich ist.
Ich habe auch schon Aufnahmesituationen gehabt, wo ich eine Liveaufnahme eines Chores machen mußte (für Rundfunksendung auch noch...) wo der Chor direkt aus Rußland kam und dies nur 10 Minuten vor Konzertbeginn. Probe war überhaupt nicht möglich. Also vollkommener Blindflug. Für solche Situationen rate ich: Nimm Dir möglichst eine 24-Bit-Aufnahmeapparatur und steuere nur vorsichtig aus, ggf. muß man sich nach dem Publikumsgeräusch richten (!) - ist natürlich eine gewisses Gefühl notwendig. Bei einer 24-bit-Aufnahme kann man auch schon mal eine untersteuerte Aufnahme im Pegel hochziehen, ohne daß es danach zu Artefakten kommt oder zu unzulässigem Rauschen. Bei Analogaufnahmen sollte man in solch einem Fall ein gutes Rauschunterdrückungssystem benutzen (ich benutze Telcom C4).
Denke daß Dir mit diesen Infos erst mal ein Stück weitergeholfen ist.

Grüße
Rainer
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