Hi Leute, hoffentlich bin ich hier nicht allzu falsch und nerve nicht. Ein älterer Freund von mir hat noch ca 300 Schelllack-Platten und sucht händeringend einen vernünftigen Plattenspieler mit 78er Geschwindigkeit. Und zwar einen, den er an eine Stereoanlage anschließen und die Platten auch überspielen kann. Weiß jemand von Euch, welcher Hersteller so ein Gerät noch anbietet bzw wo man es beziehen kann??? Vielen Dank im Voraus Ritch
Lieber Ritch(ie), grundsätzlich tut es jeder Plattenspieler mit 78 UpM. Unbedingt notwendig ist aber ein Abtaster mit entsprechender Nadel, den man aber im einschlägigen Handel erwerben kann. Von hier an allerdings wird es komplizierter, denn die Ansprüche an die Rumpelarmut des Laufwerkes und die Klangqualität des Abtasters, des Tonarmes etc. pp. sind direkt von deiner Investitionsbereitschaft abhängig, so wie man das eben auch vom hochwertigen Wiedergabeverfahren für Vinyl-Platten kennt. Ich bitte in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die Qualitätsbertachtung damals anderen Prämissen folgte, die RIAA-Kurve für Schellacks natürlich nicht angewandt wurde -es gab sie noch nicht-, wie denn auch das Rheinsche Füllschriftverfahren (nach E. Rhein, zeitweise Chefredakteur der 'Hör Zu'..., was diese Leute damals alles taten...) noch nicht eingesetzt werden konnte. Noch schwieriger wird es, wenn man die Platten so wiedergeben möchte, wie sie einmal 'gemeint' waren, denn dies bedeutet, sich mit den Schneidegepflogenheiten der einzelnen Firmen, ja einzelner Aufnahme- bzw. Überspieltechniker zu befassen. Spätestens hier ist man nahezu hilflos oder auf die Unterstützung der intimen Kenner solcher historischen Aufnahmen und Praktiken (bei den jeweiligen Firmen!) angewiesen. Ich kenne kaum welche und halte mich deshalb im Großen und Ganzen daran, dass mit konstanter Schnelle geschnitten wurde, und ziehe von oben her einen steilflankigen Tiefpass herunter, bis es 'weh zu tun' beginnt. Manch einer bedient sich als Nadel- bzw. Rillengeräuschfilter eines EMT 258 -wenn heute irgendwo auf dem Markt, dann nur zu sündhaften Preisen- oder auch des Behringer DNR 2000, was namentlich für Sprache auch recht, mitunter sehr gut geht; für Musik habe ich da immer so meine Probleme, sieht man von generellen Engpässen der Schellacks aufgrund des Materials ab. Mit Sonic Solutions (nur, wer hat das) oder der Cedar-Soft- bzw. Hardware geht auch einiges, doch will der Umgang damit gelernt sein. Im Schellackbereich macht man da so manches nicht eben besser. Verschwiegen sei auch nicht, dass Schellacksignale Abtastratenwandler überfordern können, man also mit dem bekannten Blubbern oder Ploppen zu rechnen hat, wenn der 'Rechner' beim Multiplexen der rauschunterfütterten Schellacksignale in Verzug gerät. Es ist bezüglich der Schellack-Ruß-Mischung und der 'neuzeitlichen' PVC-Platte lehrreich, gut erhaltene (oder gar neu beschriebene) Decelith-Folien abzuhören. Auf der letzten AES-Convention hier in München nahmen zwei Sammler über Originalgeräte (Neumann CMV 3 und Telefunken-Schreiber) auf Decelith-Folien der Dreißiger Jahre) Ray Dolby und David Griesinger auf, die man stimmlich tadellos (mit den Raumreflexionen!) anhören, erkennen und ertragen konnte. Umgekehrt hört man bei der Wiedergabe einer Schellackplatte über RIAA, was wir dieser Vorverzerrung für die Minderung des Rillengeräusches zu danken haben/hatten. Nun, das war jetzt so allerlei aus der hohlen Hand. Ich hoffe, für dich war etwas dabei. Hans-Joachim
Ein interessanter Zusatz zum Rhein'schen "Füllschriftverfahren". Die Teldec in Berlin hat diese Idee umgesetzt und Neumann hat dieses Verfahren dann mit ihren Schallplattenschreibern gebaut und vertrieben. Es wurde bei der 30 cm LP und der 45 Upm Single angewendet und führte durch das dynamische Rillenabstandsschneiden zu einer verlängerten Spielzeit, beziehungsweise zu einem höheren Pegel - was alle Fachleute wussten. Bei einer Umfrage auf einer Funkausstellung in Berlin kam heraus, warum die Leute möglichst nur Schallplatten nach dem Füllschrift-Verfahren haben wollten: Weil die Schallplatten mit der Füllschrift so eine tolle "Klang-Fülle" hatten. Da sieht man - wie wichtig ein guter Name für ein Patent sein kann. Viele Grüße Eberhard Sengpiel Forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik: http://www.sengpielaudio.com
Ein interessanter Zusatz zum Rhein'schen "Füllschriftverfahren". Es wurde bei > der 30 cm LP und der 45 Upm Single angewendet und führte durch das dynamische > Rillenabstandsschneiden zu einer verlängerten Spielzeit, beziehungsweise zu einem höheren Pegel - was alle Fachleute wussten. Bei einer Umfrage auf einer > Funkausstellung in Berlin kam heraus, warum die Leute möglichst nur Schallplatten nach dem Füllschrift-Verfahren haben wollten: Weil die Schallplatten mit der Füllschrift so eine tolle "Klang-Fülle" hatten.
Na also, lauter ist besser, das wußten die Leute schon damals ;-)) Beste Grüße, Christian
Lieber Christian, gerade in diesem Falle war jedoch weniger mehr: Auf der Platte selbst befand sich nämlich im Mittel wohl eine geringere Signalamplitude als zuvor. Aber Eduard Rhein zählte ja unter die Journalisten.... Schönen Gruß
Lieber Hans-Joachim, den Satz zum Füllschrift-Verfahren "Auf der Platte selbst befand sich nämlich im Mittel wohl eine geringere Signalamplitude als zuvor" habe ich nicht verstanden. Bei der üblichen Schallplatte mit fest eingestelltem Rillen-Vorschub entschied der größte Pegel die minimale Vorschub-Größe, damit einen Rille nie die vorhergehende berührte und anschnitt (küsste). Damit war die Spielzeit der Rillenspirale festgelegt. Wenn etwas spielzeitmäßig nicht auf die Schallplatte ging, so musste leiser überspielt werden, denn dann konnte der Vorschub kleiner gemacht werden. Bei dem Füllschrift-Verfahren wurde der Pegel vom Tonband schon zeitlich früher mit einem Vorhör-Tonkopf abgetastet und damit der Rillenvorschub dynamisch gesteuert. Bei leiser Musik lagen die Rillen enger nebeneinander und bei lauter Musik wurde mehr Sicherheitsabstand zur Nachbarrille gelassen. Der Gewinn an Plattenspielzeit bei stark dynamischer Musik konnte mit zeitlich längeren Musiktiteln genutzt werden, wie es vom Erfinder vorgesehen war. Aber man konnte die bessere Rillen-Platzausnutzung auch durch höheren Rillenpegel bei nicht verlängerter Spielzeit ausnutzen, wenn nicht andere physikalische Amplitudenbegrenzungen dagegen sprachen. Bei einer CD ist bei Ausnutzung der letzten Toleranzen eben bei 89 Minuten Spielzeit irgendwann Schluss. Sie schwarze analoge Scheibe wurde von außen nach innen geschnitten - die digitale CD wird auf dem Glasmaster von innen nach außen gefahren. Darum können die Presswerke bei zu langen CDs nicht garantieren, dass die letzten "äußeren" Rillen von allen CD-Spielern immer einwandfrei abgetastet werden. Eine Hutkrempe ist außen immer am welligsten - das ist das Problem. Viele Grüße Eberhard Sengpiel http://www.sengpielaudio.com
Hallo! Vielleicht findest Du unter den Vinylfans im Hifi-Bereich einige Tips hierzu - auch wenn man bei einigen Hifi-Fans immer etwas vorsichtig sein sollte bzgl. technischer Aussagen (spätestens, wenn sie mit "Kabelklang" anfangen...): www.vinyl-lebt.de www.aaanalog.de Dort gibt es auch jeweils ein Forum und diverse Links... Gruß, M.
Lieber ebs, danke für deinen Ordnungsruf, denn kryptisch war ich natürlich schon; ich wollte mich um einen eindeutigen Standpunkt in der Frage der Überspielungsgepflogenheiten bei den Schellacks herumdrücken, was dem alten Fahrensmann natürlich sofort aufstieß. Mea culpa. Es ging mir darum, klarzumachen, dass in der Vinylzeit mit verringerter Tiefenamplitude und angehobener Höhenamplitude (wo aber keine hohen Pegel vorliegen) geschnitten wird, wogegen Schellacks eben 'dem Grunde nach' ohne Vorverzerrungen des Frequenzganges geschnitten wurden. Die großen Amplituden der Tiefen blieben daher auf den Schellacks (relativ) erhalten und entschieden -wie von dir ja eindrucksvoll dargelegt- über Laufzeit und die Wahl von Überspieltricks. Die Frage des dynamischen Vorschubes bei der LP gehört in diesem Zusammenhang natürlich schon zur 'hohen Schule der Kür' (doppelter Rheinberger) und wurde von mir eigentlich gar nicht dezidiert in meine 'Schreibereien' einbezogen, obgleich ich diese dann ja missverständlich benannt hatte. Die ganze Schallplattenentwicklung kann einen ja nicht zuletzt auch qualitativ faszinieren, selbst wenn der einzelne Abtaster für zwei Kanäle mit so manchem, was wir heute tun, einigermaßen überfordert ist. Dennoch: Von der Walze bis zu DMM faszinieren ja Technik, Anekdoten zu den Schnittverantwortlichen und deren erzielte Ergebnisse in jeder Generation auf vielfältige Weise. Man sollte nie vergessen, dass wir in den Platten einen mechanischen Datenspeicher vor uns haben... Steinzeit? Einen schönen Abend!
Servus zusammen, im Zusammenhang mit der Schallplatte, möchte ich auf einen Beitrag in einer ca.3-4 Jahre liegnden ELEKTOR hinweisen. Da wird von einem Plattenspieler berichtet, der mit Laserabtastung funktioniert. Zu damaliger Zeit befand sich das Gerät noch in der Entwicklungsphase. War keine Bauanleitung, nur eine Pressemitteilung. Hersteller wurde nicht genannt, aber sollte irgendwo in den USA sein. Hat einer von euch darüber etwas gehört? Gruss aus München Hansk
Hans Joachim Kremser fragt: "Hat einer von euch etwas von einem Plattenspieler mit Laserabtastung gehört?" Ja, den gibt's zu kaufen. Gehe mal zu http://www.elpj.com/main.html Einfach den Link "Record Player Laser" unten anklicken. Es gibt noch mehr zu finden unter der Suchmaschine Google http://www.google.com Als Suchbegriff ist einzugeben: record player laser Gruß ebs
Man sollte nie vergessen, dass wir in den Platten einen mechanischen Datenspeicher vor uns haben... Steinzeit?
Ich mein, ein mechanischer Speicher ist im Vergleich zu dem, was wir heute vor uns haben, in einer Beziehung sehr "fortschrittlich": Wenn alle CDs zerbrochen, durch UV-Lichtbeschädigt oder sonstwie vergangen sind, die Rille bleibt. Mit Kratzen und Rauschen zwar, aber vernehmlich, wird Sie uns auch in 200 Jahren zu Gehör bringen, was Furtwängler da einst gespielt hat. Und dazu, wie es hier schon jemand geschrieben hat, reicht zur Not auch eine Kaktusnadel auf einen Karton geklebt. Schöne Grüße, Christian
Hallo, ich glaube, solche Versuche/Patente/Vorführmodelle gab es schon vor vielen Jahren (10? 15?) mal. Ich nehme an, da vermarktet eine kleine Firma ein Patent, welches in einer größeren Company erfunden wurde, aber an der Marketingabteilung und der Geschäftsführung gescheitert ist. Aber vielleicht steht in dem von dir erwähnten Artikel ja etwas darüber. Grüße, Christian
Christian CJB meint sehr richtig, dass ein mechanischer Speicher in einer Beziehung sehr fortschrittlich ist: Wenn alle CDs zerbrochen, durch UV-Licht beschädigt oder sonstwie vergangen sind - die Rille bleibt. Mit Kratzen und Rauschen zwar, aber vernehmlich, wird Sie auch in 200 und mehr Jahren zu Gehör bringen, was Furtwängler da einst gespielt hat. Darum sind ja auch Metall-Plaketten in den Weltraum geschossen worden, die von anderen intelligenten Wesen irgendwann gedeutet werden könnten - und darunter sind auch nicht zufällig analoge Schallplattenrillen. Diese werden selbst mit einer "Kaktusnadel" problemlos entziffert; bei einer CD, die ihre Information vermutlich teilweise verloren hat, bin ich mir sehr unsicher. Viele Grüße ebs Forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik: http://www.sengpielaudio.com
Hallo Leute, ich danke Euch.Bin durch Eure Hinweise und Links weitergekommen (außerdem wars interessant, mal über der Absoluter-Laie-Tellerrand hinweg zu gucken).Sieht wohl so aus, als käme man an Thorens nicht vorbei,wenn man ein Neugerät zum noch einigermaßen bezahlbaren Preis haben will. (Ein Laserplattenspieler für 9.000$ ist ja wohl nicht mehr so ganz als "noch bezahlbar" zu bezeichnen *grins*) Mein Bekannter begibt sich mal zu nem entsprechenden Fachhändler in der Nähe (über einen Eurer Links gefunden)und macht sich über die Mach- und Feilschbarkeit kundig. Mal sehen, was der Händler so meint, wenn wir mit ner Schelllackplatte anrücken und testen wollen *sehrbreitgrins* Also noch mal danke. Ciaoi Ritch
Lieber Christian, lieber ebs, mich freuen eure durchaus besinnlich stimmenden Gedanken, die den blinden Fortschrittsglauben und unseren aktuellen Standort relativieren können. Mir ist seit dem Siegeszug digitaler Signalverarbeitung nicht einmal die (neuerliche) Idee bekannt geworden, Werke jenes Kapellmeisters zu St. Thomae, Leipzig (1685-1750) -und anderer, versteht sich- in Gestalt digitaler Datenträger auf den Weg durch die Galaxien zu schicken, wie das vor nun genau 25 Jahren durch Voyager 1 und 2 in Gestalt einer Goldenen LP -übrigens gemeinsam mit einem Abspielgerät- geschah. In den USA dachte man daran: http://voyager.jpl.nasa.gov/spacecraft/goldenrec.html Unter 'Music' findet sich auch die Liste der unterwegs befindlichen Werke; alles auf einem mechanischen Speicher, der selbst wenn die Batterien der Sonde erschöpft sind, weiterfliegen wird; vielleicht länger als wir überauern werden, auch wenn die Astrobiologen inzwischen intensiv daran zweifeln, dass diese Platten sich einmal in Gegenwart eines intelligenten Wesens werden 'drehen' können. Angesichts des überaus freundlich klingenden Grußes aus unserer Heimat (anzuhören unter http://voyager.jpl.nasa.gov/spacecraft/languages/german.html) ist das vielleicht auch besser so. Mein Fragezeichen hinter dem Wort 'Steinzeit' war vorgestern natürlich nicht ohne Hintergedanken gesetzt, weshalb ich für die kollegiale Präzisierung durch Christian und ebs herzlich danke! Einen schönen Abend aus München
Alien meinte scherzhaft: "Ob die für die Schallplatte, die in den Weltraum geschossen wurde, auch an die GEMA gezahlt haben?" *just kidding*
Da bin ich aber ganz sicher, denn das Presswerk zahlt. Selbst bei Eigenkompositionen "Kinderlieder die mir meine Mutter sang" oder Buschtrommelaufnahmen von Naturvölkern will die Gema nach Anzahl der gepressten Schallplatten vom Presswerk ihre Gebühren vereinnahmen. Das Presswerk will das Geld aber sofort von dir. Später kann man dann selber versuchen, ob man als "Komponist" dieser Buschtrommeln, oder Komponist dieser La-Le-Lu-Kinderlieder von der Gema etwas Geld zurückbekommt. Gruß ebs
Hi Thomas, Bei Eigenkompositionen müssen nur dann Gebühren an die GEMA abgeführt werden, wenn der Komponist Mitglied der GEMA ist. Wenn irgend einer eine Eigenkomposition veröffentlicht fällt keine GEMA-Gebühr an. Lediglich eine einmalige Meldegebühr, wie sie bei jeder Neuproduktion fällig ist.