Hallo Kollegen, Hat von Euch jemand mal eine Orgelaufnahme gemacht, wo horizontale Trompeten ("Spanische Trompeten") vorhanden waren? Wenn ja, wie habt Ihr bei der Mikrofonierung vermieden, daß diese durch ihre stark nach vorne gerichtete Schallabstrahlung zu sehr dominieren? Ich habe zwar schon Aufnahmen mit ähnlich klingenden Registern gemacht, aber noch keine mit Clairons die liegend eingebaut waren. Grüße Rainer
Hallo Rainer, da kann ich nur von einer Orgel berichten , die ich gut kenne (St. Matthias Berlin-Schöneberg). Hier hilft eigentlich nur "Abstand gewinnen". Bei besagter Orgel sind die spanischen Trompeten oben auf der Empore naturgemäß sehr präsent, im Raum selber sind sie noch deutlich wahrnehmbar, aber schon eher als Obertonregister. Unabhängig davon sind die spanischen Trompeten dafür gemacht, daß sie einem "fast auf dem Schoß sitzen". Daher würde ich es nicht für so gut halten, sie bei einer Aufnahme künstlich nach hinten zu drängen. Aus meiner Spielpraxis als Organist heraus sage ich auch, daß man sie mit sehr viel Gefühl einsetzen sollte, sie sind ja auch eher die Ausnahme (zumindest bei deutschen Orgeln). Bei den spanischen Orgeln sind sie, soweit ich weiß, aus bautechnischen Gründen mal entstanden, weil man für normale senkrechte Trompeten keinen Platz hatte (man möge mich darauf aber nicht festlegen). Herzlichen Gruß Markus P.
Man muss doch schon etwa gegen die kräftig strahlenden horizontalen Orgel-Trompeten machen, denn ein Mikrofon hört diese Instrumete noch mehr nach vorne herausfallend, als das menschlische Gehör. Darauf wies Rainer deutlich hin, denn das ist das Problem. Auch wenn diese Trompeten angeblich extra herausfallen sollen, wird ein intelligenter Tonmensch bestimmt trotzdem etwas gegen diesen direkten herausplatzenden Klang unternehmen. Verstopft die Trompetenrohre :-) Nehmt Klo-Papier.
Lieber Rainer, eine gute Woche war ich aushäusig, und schon ist mein Anschluss im Forum dahin... Bitte um Vergebung für diese verspätete Reaktion. Zudem wird der nachfolgende Text leider lang, weshalb man sich überlegen sollte, noch detaillierteres vielleicht in einem privaten Mailverkehr zu klären, ehe hier ein Volksaufstand gegen mich ausbricht.... Also: Lieber Jens-Uwe, gegen dein Toilettenpapierrezept spricht die delikate Tonformung der Zungenregister; sicherlich mehr als eine Pfeife wird durch eine solche Maßnahme aus der Intonation kippen und falsch, nur instabil oder gar nicht mehr sprechen wollen. Gleichwohl kenne ich Barockfagottisten bzw. Dulcianspieler, die sich souverän dieser Mittel bedienen.... Abstand gewinnen hilft in der Regel auch nicht so recht, weil moderene Orgeln zumindest auch die Mixturen hinten auf der Lade stehen haben, und die vom gleichen Ventil gesteuerten Horizontalzungen eo ipso etwa 8 ms vorher da und deshalb immer 'drüber' sein werden. Außerdem werden die Mixturen bzw. Labialen höherer Lagen beim Abrücken überproportinal matt.
Ich habe deshalb in vergleichbaren Fällen immer so deutlich unterhalb Ladenhöhe mikrofoniert (teilweise auch erst vor der Aufnahme der Zungenpassagen geändert), dass die bevorzugte Aufnahmerichtung der zuständigen Mikrogruppe möglichst außerhalb des Einflussbereiches der Zungenbecher arbeitete, der Radau also darüber 'hinwegbrandete'. Wir müssen bedenken, dass auch der Zuhörer von Horizontalzungen ja in dieser Weise beaufschlagt wird, das Register vom Intonateur letztlich also 'auch so gemeint' ist. Die Mixturen erfahren hierbei in der Regel durch Reflexion innerhalb des Gehäuses eine etwas begünstigte Behandlung, von denen die Horizontalzungen (außerhalb des Gehäuses liegend) ja ausgespart bleiben. Ein weiteres Mal von diesem klanglichen Unfug (so sehe ich das, dazu aber unten noch ein paar Worte mehr) geplagt, habe ich eine Raummikrogruppe eingesetzt, die nur mehr das diffuse Schallfeld 'mitnahm', woraufhin ich natürlich das labiale HW und die 'Lenguetería' (deutschen Zuschnitts!) eigens stützen musste. Man baut sich das Klangbild dann vor allem auch unter Einbeziehung von Filterung und Verzögerungsleitungen so zusammen, dass alles da ist, und ein überzeugendes, dem Instrumentencharakter entsprechendes Bild entsteht. Man soll das Instrument ja in seiner Individualität wiedererkennen. Leider schlagen einem Horizontalzungen bei üblicher Mikrofonierung ja sogar ein komplettes Plenum kurz und klein. Insofern wirst du, lieber Markus, nur unter günstigen Bedingungen -z.B. auf alt-spanischen, -mallorquinischen oder -südamerikanischen Orgeln mit deiner Vorstellung weiterkommen, 'es so zu lassen', 'wie es ist'. Ich bekenne, 'prinzipiell weitgehend' deiner Ansicht zu sein, weil die Orgel einen extremen Sonderfall in der Aufnahmepraxis darstellt, verlangt sie doch eine Quadratur des Kreises, denn die Aufnahme soll so klingen dass man das Instrument selbst -mit seinem Raum!- wiedererkennt. Das ist nun prinzipiell ausgeschlossen, soll aber dennoch versucht werden.... Man muss deshalb durch die Aufnahme 'geschickt' an das Instrument erinnern, zumal es ja auch klanglich/aufnahmetechnische Probleme wie das aktuelle gibt, gegen das man sich nur radikal wehren kann, aber zu wehren hat. Meine erfolgreichste Methode war noch immer, mit dem Organisten zu reden, das Problem darzulegen und schlimmstenfalls einen gemeinsamen Versuch anzuhören; in der Regel erntet man Einsehen. Unfug oder nicht? Optisch imposant, klanglich problematisch. Die Geschichte: Spanische Trompeten hier bei uns sind keine Wiederaufnahmen altspanischer Baupraktiken, sondern umgelegte Zungen deutscher Bauart. Und die stehen in Germanien traditionell auf den letzten Schleifen der Lade, also weit hinten im Gehäuse, das den Dingern schon einmal gewisse Hintergründigkeit verordnet. Legt man aber ein solches Register um, so rührt sich natürlich etwas, namentlich in Achse der Becher. Eine im Winddruck reduzierte oder in Bauart 'eingesüdete' Horizontalzunge habe ich hier (oder dem stilistisch verwandten Ausland) außer in Kopien spanischer bzw. portugiesischer Orgeln noch nie gesehen (in Hannover steht so ein Instrument). Die Trompette en chamade von St. Maximin bei Aix (J. E. Isnard 1775) ist keine Trompette, die den beiden 1er und 2me Trompettes direkt vergleichbar wäre. Hier hat also jemand sensibel auf das Phänomen reagiert.... Spanische Orgeln besitzen gemeinsam mit süddeutsch-habsburgischen Orgeln einen sehr geringen Winddruck, der selbst in sehr großen Räumen 65 mm WS nicht übersteigt. Durch die kleinen Laden sinkt auch der Winddruck bis zum Pfeifenfuß noch einmal deutlich, so dass bei den Spaniern oftmals kaum 45 mm WS an der Pfeife ankommen. Zudem befinden sich in beiden Landschaften (Spanien und Oberschwaben-Baiern-Habsburg bis Schlesien-katholisch) die Mixturen direkt hinter dem Prospekt, was in Deutschland heute ebenfalls unüblich ist. Um mit jenem geringen Winddruck die Zungen span. Orgeln dennoch zum halbwegs zuverlässigen Sprechen zu veranlassen, müssen die Blätter hauchdünn geschabt werden; massiver Radau kommt daher aus einer spanischen Zunge ebensowenig wie aus einer spanischen oder süddeutschen Orgel insgesamt heraus (man denke an Weingarten mit 66 Registern!!). Die Orgeln sind schlicht leise, so dass es schon der "Batteria" bedarf, um den spanischen Musikgeneral mit seiner schütteren Zungenarmee im Kirchenraum hinreichend herrschaftlich klingen zu lassen. Die labile Ansprache der (real-..) spanischen Zungen und der instabile Wind dieser Orgeln tragen das ihre zum oftmals durchaus 'menschlichen', wenig maschinell wirkenden Klangbild bei. Markus' Mutmaßung zur Entstehung der 'Batteria' stimmt. Angesichts von Ladengröße, Winddruck und Pfeifenwerkstellung auf der Lade war schlicht kein Platz mehr für die Zungen, die überdies heftig Wind verbrauchen, also keine langen Zuführungen mehr vertragen. Stellte man sie auf den kleinen Laden weiter nach hinten, ist beim Zuziehen der Zunge für den Rest des Pfeifenwerkes wegen der minimalen Reservoirwirkung des Ladeninhaltes 'Schluss mit lustig'. Sie sänken dann ab oder kämen gar nicht mehr. Man setzt die Zungen daher auf die Stirnseite der Lade und baut sonst, wie man es gewohnt ist: Das Pfeifenwerk wächst stufenweise der Gehäuserückwand zu. Vergleichbares gibt es in Baiern z.B. in der Orgel der Klosterkirche Irsee (B. Freywis, 1749-51), wo eine baierische Orgelkonzeption auch hinsichtlich der in dieser Landschaft damals noch extrem seltenen Zungen während des Aufbaues vom Auftraggeber geändert wurde, so dass sich der baierisch-oberschwäbisch denkende Orgelbauer zu einer Lösung veranlasst sah, die der der Spanier entspricht. So viel zum Thema. Ich nehme es niemandem übel, wenn er meine Vorlesung auf halbem Weg verließ, denn die Welt geht auch ohne meine Elogen weiter. Ansonsten: Siehe oben, 2. Satz... Schön'n Abend und weiterhin frohes Schaffen. Hans-Joachim
...wow! (Das mußte mal gesagt werden.) Ich schäme mich ein klein wenig, Orgeln bisher ohne solches Detailwissen mikrofoniert zu haben. Jedoch ist die Praxis, den Organisten allzusehr in das Geschehen eingreifen und die Ezeugung des richtigen Klanges mitbsetimmen zu lassen nicht immer die beste Wahl. Das klangliche Erlebnis direkt am Spieltisch mit all den kleinen Besonderheiten (ein quitschender Schweller, der zur minutenlangen Suche nach einem vermuteten Vogel führt, das überpräsente Pfeifenspringen, ein leise polternder Tremulant und der glasklare Klang der Principale etc.) führt häufig zu einer gewissen Fehleinschätzung des Sounds aus den Monitoren. Herzlichen Dank für diesen brillanten Vortrag! Frank
Danke Hans Joachim für die ausführliche Darlegung. Macht nichts, wenn Deine Antwort erst jetzt kommt. Habe in letzter Zeit auch nicht ständig Zeit für das Forum - beruflich bedingt und außerdem sind wir zu Hause am anbauen... Die Idee mit den Mikrofonen unterhalb der Ladenhöhe ist mir auch schon im Hinterkopf herumgegeistert. Ebenso habe ich auch die Verwendung von Raummikrofonen angedacht. Aber die Zungenpassagen dann gesondert spielen zu lassen und dementsprechend zu mikrofonieren ist natürlich nur bei Produktionen ohne Publikum möglich. Schwieriger wird es dann wenn es sich um Liveaufnahmen handelt. Grüße Rainer