Hallo! Dass in der "U-Musik" das ein oder andere nicht so ganz echt ist, ist ja schon normal geworden. Unter anderem auch weil heute fast computergenaues spielen der Massstab ist. So werden Drums getriggert, Sänger durch Autotune gejagt oder gar Sessionmusiker engagiert die die Part besser spielen. Wie sieht es aber bei den Klassikern aus? Wird da auch hin und wieder getricktst? Ein Solo nachträglich vielleicht sogar von jemand anderem, neu gespielt. Nichtgestützte Pauken nachprogrammiert. Oder ein Part welcher mehrfach vorkommt einfach kopiert weil an einer Stelle verrissen usw. Und was mir jetzt noch alles nicht einfällt. Es ist klar, dass bei U-Musik die Manipulationsmöglichkeiten viel grösser sind weil eben gerade dann auf völlige getrennten Spuren aufgenommen wird und nicht alles gleichzeitig mit übersprechen. Btw. da ich mich neulich für ein Projekt durch mehrere Klassik-CDs durchgehört habe: die Qualität dieser ist teilweise auch recht miess. (allerdings auch z.T. 10Jahre als aus der Bibliothek) Also die Legende Klassik == High-End-Produktion ist ebenso ein Märchen.
Hallo Thomas, die Legende, dass Klassikaufnahmen High-End sein sollen, war mir noch nicht bekannt. Ich sie auch absolut nicht bestätigen. Schön, dass Du dieses Thema ansprichst, da ich nach all diesen langen Threads gemerkt habe, dass viele hier im Forum glauben, klassische Aufnahmen gingen um die möglichst naturgetreue Reproduktion des Schallgeschehens im Aufnahmeraum. Nichts ist weniger wahr! Wer dies nicht begreift hört meiner Meinung nach keine Musik, sondern sucht nach etwas anderem. Wenn man mal genau versucht zu analysieren, was gute Aufnahmen sind, kommt man in grosse Probleme. Da gibt es nämlich keine wirkliche Antwort. Viele Musiker empfinden die Produktionen als die besten, bei denen es nur so wimmelt von technischen und künstlerisch-technischen Problemen: Rauschen, Verzerrungen, Räumlichkeitsfehler etc. lassen grüssen. Doch irgendwas scheint ja da zu sein, was ihnen gefällt. Auf der anderen Seite empfinden viele Techniker/Produzenten manche Aufnahmen als besonders gut, bei denen musikalisch wenig passiert. Also, worüber reden wir eigentlich? Innerhalb eines sinnvollen Ramens muss man sich realisieren, dass es so etwas wie Auffassung, Geschmack und zu guter letzt Interpretation gibt. Wieviele Aufnahme von Brahms ersten Klaviertrio gibt es nicht, wo das Klavier extrem weit hinter den Streichern steht? Bitte nennt mir eine Aufnahme, bei dem das Cello wirklich "naturgetreu" klingt! Geht meist auch nicht, da es dann im Grundtonbereich dem Klavier "im Wege stünde". Was produktionstechnische Besonderheiten angeht, so kann ich nur bestätigen, dass in der Praxis meist alle die Mittel verwendet werden, die das Produkt besser machen. Also Filtern, wenn unbedingt nötig komprimieren, verhallen etc. Auch passiert es gelegentlich, dass ein Orchester ohne Solisten einspielt und der z.B. Sänger später im Konzertsaal overdubbed. Livekonzerte sind bekanntlich auch nahezu nie live, und so gibt es mehr Geschichten. Grüsse, Dirk
Ich denke, auch hier gilt: Es sit erlaubt was gefällt. Ich habe kürzlich eine Klavierproduktion abgeschlossen bei der ich die Pianistin bremsen musste: Trotz breit klingendem und deutlichem Klavier sollte viel Hall hinzu und zwar in einem Mass, daß der Flügel 20m weit weg klang. Das passte folglich nicht zur gehörten Breite und Deutlichkeit. Sie hat mir dann CDs präsentiert wo diese noch in viel extremeren Masse der Fall war. Da haben wir uns auf einen Mittelweg geeinigt. "Oder ein Part welcher mehrfach vorkommt einfach kopiert iwrd" Ja, es wird kopiert. Logischweise bevorzugt Stellen, die nicht geklappt haben. Manchmal tauscht man nur eine Triole oder so aus. Ich habe aber auch schon ganze Sätze kopiert und in der Lautstärke ein wenig manipuliert: Ein Kompressor mit 1:1.1 und ein Expander in ähnlichem Umfang manipulieren das Stück minimal so, daß es etwas anders klingt. Hat man eine Mehrspuraufnahme, so kann man z.B. nur die nahen Stützen etwas komprimieren: Einfach mit einem tiefen Threashhold eine 1:1.1-Kompression einstellen und minimal anheben. Damit klingt die Stüttze einen Tick anders und setzt sich im Klang gegen das HM anders durch - teilweise früher- teilweise später. Das hat bei den meisten Tönen kaum Einfluss, bei einigen Akzenten aber wirkt es enorm. Genau das ,acht den Unterschied. Das Stück klingt, als wäre es komplett anders gespielt.
Ich finde einen anderen Aspekt bei Klassikproduktionen viel interessanter: Bei einer Produktion bin ich bei einem Stück von 200 Takten auf knapp 60 Schnitte gekommen. Das Ergebnis setzt sich aus dem Material von fünf Gesamteinspielungen und einigen weiteren Reparaturstellen zusammen. (In einem Konzert gibt es derartige Möglichkeiten natürlich nicht) Man kann nun darüber philosophieren, ob bei solchen Schneideorgien das Ergebnis dem entspricht, was ein Musiker wirklich zu leisten im Stande ist oder ob hier nicht schon ein "künstliches" Produkt vorliegt. Eine weiterer Aspekt ist der Einfluß des Cutters auf die Interpretation. Zwangsläufig haben die einzelnen Einspielungen jeweils ihren eigenen Charakter. Auch wenn "der große Bogen" innerhalb jeder Einspielung ähnlich angelegt ist, lassen sich durch unterschiedliche Schnitte völlig neue Akzente setzen oder ergeben sich zwangsläufig aus der Notwendigkeit, Fehler o.ä. korrigieren zu müssen. Bei vielen Aufnahmen erwarten die Musiker sogar, daß die geeigneten Stellen von Cutter selbständig ausgewählt werden. Damit wird die Kontrolle über das Produkt abgegeben. Auch wenn es dem Musiker gefällt, muß es nicht viel mit seiner Interpretation zu tun haben ...
leider wahr und eigentlich ziemlich schrecklich. aber: eine klassikaufnahme, die falsche töne enthält- da ist doch von vornherein alles verspielt, oder? die große konkurrenz hat mittlerweile einen absoluten leistungsdxruck und perfektionmaßstab angelegt,so daß man um solche mühselige perfektionierung nicht drumrumkommt. mit musik (und richtig: auch mit der wirklichen leistung des interpreten) hat das dann oft auch wirklch nix zu tun :-)
Die Künstler sind nicht so dumm, ihre Live-Aufnahme mit Fehlern freizugeben. Man kann sich doch nicht von seinen Kritikern zerreißen lassen. Wenn wir schon mal die technischen Möglichkeiten haben, so sollte man sie nutzen.
Ist das stückweise Aufnehmen und Ausbessern eigentlich "Faken"? Maler übertünchen ja auch ihre "Schwachstellen", bevor sie ihr Gemälde der Öffentlichkeit präsentieren. Warum sollten das Musiker nicht tun, wenn sie eine Aufnahme "für die Ewigkeit" machen?
is nur schon blöd, wenn der "künstler" mit seiner hochpolierten CD dann im konzert eher mäßig spielt.... oder umgedreht ein genialer musikalischer fluß live, auf der CD einfach nicht zu finden ist, weil wegen den patzern alle phrasen geschnippelt sind. so oder so: der reine "klassikmarkt" ist einfach übersättigt! warum heute noch die 938. aufnahme eines beethoven klaviertrio? (ausgenommen mit "originalinstrumenten"-das wird dann schon wieder interessant). oder noch schlimmer: zum 1001. mal die violinkonzerte von tschaikowsky,brahms und mendelssohn.... irgendwann dann alles mit geruchsproben der künstler, oder auf DVD dann mit unterschiedlich zugemixtem hall.. ;-) kann man dann am abspielgerät wie früher am radio "jazz","kammermusik","orchester" einstellen.... lg matthias
Den Malprozess kannst Du natürlich nicht mit einer Musikeinspielung vergleichen, der Maler hat ja fast beliebig viel Zeit. Ein besserer Vergleich wäre zu sagen, daß ein Maler das selbe Bild 5x malt, zerschneidet und die besten Versionen jedes Teils zusammenklebt. Auch nicht mehr ganz künstlerisch... Oder eine Gastronomische Analogie: Im Restaurant erwarte ich daß das Steak aus einem Stück besteht und kein Formfleisch ist. Das hinkt natürlich gewaltig, da Formfleisch nie besser als das Steak sein kann. Andererseits: Warum nicht? Dem Künstler gehts doch meistens darum, einen bestimmten Eindruck beim Betrachter/Hörer zu erzeugen, warum soll er nicht alle vorhandenen Mittel und Wege ausnutzen dafür? In dieselbe Kategorie fällt für mich jede Art der Mikrofonierung, besonders Stützmikros, die immer auch ein Eingriff in die Authentizität der Darbietung sind. Trotzdem stört es keinen (wenn es gut gemacht ist). Und der Hörer will gut gespielte Musik hören, wen interessiert, ob die Musiker das am Stück und ohne Hilfsmittel geschafft haben, oder nicht? Wir sind doch hier nicht beim Hochleistungssport. Höchstens Celebidache hat vielleicht einen imaginären Wettkampfrichter hinter sich stehen gehabt. Problematisch ist nur, wenn die Künstler den Cutter zu sehr in die Interpretation reinreden lassen. Da sind sie aber selbst schuld, wenn das Produkt unnatürlich ist. Grüße AndyS