Ich nehme in den nächsten Monaten an einem Opernprojekt (Dido und Aeneas) als Lautenist und Theorbist teil. Da ich auch regelmäßig Aufnahmen mache, wurde ich gebeten, einen Mitschnitt der drei Aufführungen an drei verschiedenen Orten zu erstellen. Das heißt, das ganze Setup soll relativ schnell aufzubauen sein, da ich ja auch als Musiker beteiligt bin und nicht sehr viel experimentieren kann. Die Aufnahme soll vor allem als Dokumentation für die Beteiligten (ein Laienchor veranstaltet das Projekt und kauft dazu Musiker ein) dienen, das heißt, ultimative Klangqualität ist nicht das oberste Kriterium, allerdings möchte ich im Rahmen der Möglichkeiten doch etwas anständiges hinkriegen. Genaue Informationen zu den Räumlichkeiten habe ich leider noch nicht. Ich hatte mir vorgestellt, von einem AB Hauptmikrofon (Schoeps MK2S, alternativ bei schlechter Akustik ORTF o. ä. mit MK4) für das kleine Orchester (Barockinstrumente) auszugehen und das Bühnengeschehen mit 3 Nieren (Neumann KM 84) als Vorhang abzudecken. Als Alternative könnte ich mir vorstellen, an den Bühnenrand 3 Oktava MC012 Hypernieren als Quasi PZM zu legen (mit entsprechender Trittschallentkoppelung). Aufnehmen würde ich das ganze auf je eine Spur (Notebook mit Fireface) und erst zuhause abmischen. Ich habe bis jetzt keine Erfahrung mit Aufnahmen von bewegten Sängern und kann daher die Größenordnung der zu erwartenden Kammfiltereffekte nicht abschätzen. Ich wäre für Tips zu dem Thema recht dankbar. An Technik habe ich zu Verfügung: Schoeps: 4x CMC5, 2x MK2S, 2x MK4, 1x MK3, 1x MK8 Neumann: 4x KM84, 3x KK83 Oktava: 3x MC012 mit allen Kapseln (Kugel, Niere, Hyperniere) Maximal 10 Mikrofonkanäle Beste Grüße Hermann
Hallo Hermann, bei so einem Auftrag wäre ich erstmal vorsichtig, denn vielleicht hast Du ja den guten Ruf, exzellente Tonaufnahmen zu machen. Den könntest Du damit nämlich leicht aufs Spiel setzen. Bei Deinem Vorhaben sehe ich zwei Probleme. Erstmal ein technisches: Auch bei nachträglicher Endmischung halte ich gutes Monitoring für unerlässlich. Und das geht natürlich nicht, wenn man gleichzeitig als Musiker zu 100% gefordert ist. (Ich würd ja sofort meine Hilfe anbieten, wenn ich in der Nähe wäre, weil ich Purcell sehr mag... :) Ohne genau hinzuhören die Mikrofone zu platzieren und das ganze laufenlassen kann da schlimm in die Hose gehen - selbst schon erlebt. Aber bevor wir hier konkret Mikrofonpositionen diskutieren, brauchen wir erstmal Informationen über die Räumlichkeiten und die Aufstellung von Musikern und Sängern (und wie ich das einschätze, erfährst Du das wohl kurz vor der GP). Zweites Problem: Nach meiner Erfahrung gibt es trotz der Vorgabe "einfach" nur zu dokumentieren, eine gesteigerte Erwartungshaltung der Hörer dieser Aufnahme, die wohl nur durch den Faktor 'glückliche Umstände' zu erfüllen ist. Der hohe Mikrofonaufwand kann ja nur durch ein gutes klangliches Resultat gerechtfertigt werden und das ist im Blindflug eine heikle Sache. Dokumentation wäre für mich dann eher: zwei Mikros hinstellen und fertig. Dann diskutieren wir hier nur noch über AB oder ORTF. Also ohne nähere Infos über Raum (Räume), Besetzung und Inszenierung kann man hier jetzt wirklich nichts gescheites sagen, oder? Das Einzige, was mir an einigermassen Gescheitem einfällt: in Deinem Fall sieht das möglicherweise so aus, als könnte man am besten mit Grenzflächen am Bühnenrand arbeiten. Kein Zuschauer hat gerne Stative im Blickfeld auf die Akteure. Das sollten dann aber Druckempfänger-GF sein und keine auf den Bühnenboden gelegte KM-Hypernieren... Eine -zugegeben unrealistische und teurere- Dokumentationsidee: Macht eine Recording-Session ausserhalb der Aufführungen. In akustisch optimierter Aufstellung und ohne die klanglichen Katastrophen durch die Handlung. Von mir aus auch mit (zahlendem) Publikum. :-) Gruss Stefan
ich kann mich dem nur anschliessen: Eher mit vorsicht zu geniessen. Gerade bei Opern kommt man - wenn man sich nicht wirklich auf eine Doku ohne jeden Qualitätsansprucht einlässt - um eine Materialschlacht nicht herum, denn schliesslich musst Du die Sänger einfangen, egal an welcher Position sie gerade stehen. Da kommt es dann vor allem auf Deine Erfahrung an - wie und wo hänge ich die Micros korrekt über die Bühne, an welchen Stellen stütze ich an der Bühnenkante und Deko, mache ich überhaupt eine basis Rampenmikrofonierung? Das hängt sowohl von der Inszenierung als auch vom Raum ab..... Und wenn Du nicht eine ordentliche Partitur hast, wo jeder Auftritt samt Auftrittsrichtung genau eingezeichnet steht und noch dazu dann am besten eine Videodokumentation vorhanden ist, dann ist das Mischen eine einzige Katastrophe und ein endlos frustrierendes Rätselraten (Wo stand der denn doch gleich....?) Alternativ kann man es selbstverständlich auch so lösen wie es im Fernsehton bei Opernübertragungen gerade modern ist - mit Funkmikrofonen. Aber auch das ist eher materialschlachtig. Mit 10 Spuren wird es doch eher knapp. Die "einfachste" Lösung ist wie schon geschrieben wurde eine "konzertante" Aufnahme ohne Bewegung....
Also ich kann mich dem nicht anschließen. Grade bei Opern kann man mit geringem Aufwand schon sehr gute Ergebnisse erzielen. Vorrausgesetzt: der Raum klingt einigermasen und der Dirigent hat Bühne und Orchester im Griff und man hat dann nicht den Anspruch, das auf CD zu veröffentlichen zu wollen. Ich habe schon etliche Opernaufnahmen gemacht wo ich nur einmal AB in der Portalschürze über das Orchester gehangen habe. In ca 5 m höhe leicht auf die Bühne zeigend. Aber wenn ich den Raum nicht kenne würde ich einfach mal AB fürs Orchester und dein "Vorhang" für die Bühne. Dann kommst du auf fünf Spuren die Du später schön abmischen kannst. Natürlich kann es dir dann mal passieren das ein Sänger aus den Mikros rausrennt, aber wenn der Regisseur einigermassen mitdenkt, wird er die Sänger beim singen wohl nicht in die hinterste Ecke stellen. (obwohl ich das auch schon mitbekommen habe) Also ich bin da guter Dinge, das dir was brauchbares gelingt. Gruß Stephan
Hallo Stefan, hallo Tonzauberer! Zuerst muss ich einmal klarstellen, der Ruf, den ich in erster Linie zu verlieren habe, ist der als Lautenist mit einem Hang zur Tontechnik :-). Ich würde das ganze Aufnahmeprojekt wirklich eher als Doku ohne größeren Qualitätsanspruch bezeichnen. Der Dirigent ist ein guter Freund, mit dem ich oft gemeinsam spiele und der daher meine Konzertmitschnitte kennt. Er wäre sicher auch mit einer einfachen AB oder ORTF etc. Aufnahme zufrieden. Es geht eher um den Erinnerungseffekt für die Chormitglieder, die halt einmal im Jahr auf ein großes Konzert hinstudieren. Der Qualitätsanspruch kommt da mehr von meiner Seite, ich habe so eine Opernaufnahme noch nie gemacht, daher reizt es mich und ich würde tontechnisch gerne etwas dazulernen. Dass das im quasi Blindflug schwierig ist, ist mir klar, noch dazu muss ich mich auch ja um mein Instrument kümmern. Aber die Frage für mich ist die, ob es Sinn macht, mehr Aufwand als die besagten AB (oder was auch immer) Mikrofone zu betreiben und (3?) Bühnenmikrofone aufzustellen (hinzulegen), oder ob das ohnehin nicht so viel bringt. Dass mehr Mikrofone u. U. aber die Erwartungshaltung erhöhen ist aber sicher nicht von der Hand zu weisen und wäre ein Argument für eine "Minimallösung". Die Ideallösung für das ganze Problem wäre sicher eine eigene konzertante Aufführung ohne "Bühnen-action", was aber leider nicht machbar ist. Gruß Hermann
Fuer eine Dokus ohne Ansprueche wuerde ich auf die Buehnen-Mics verzichten. Ich wuerde nur ein Hauptsystem aufstellen, bzw. aufhaengen. Theater haben meiner Erfahrung nach eher einen grossen Hallradius. Daher kann das Hauptsystem durchaus weiter weg im Publikum haengen - das liefert dann ein einigermassen homogenes Bild des gesamten Ensembles. Ich wuerde ausserdem AB nehmen, bzw. 4 Kugeln probieren. Gruss, Mathematiker
Also wenn das auf Low-Budget und nur Hobby-Dokumentation zielen soll, dann sind irgendwelche zwei Mikrofone ausreichend. Das ist eine Erinnerung und fertig. Man wird es sich höchstens einmal anhören. Ich erinnere mich an einen jungen Dirigenten, der für sein Debut in USA dort eine CD seiner Tätigkeit brauchte. So ließ er in Salzburg seine Carl Orff - Carmina Burana von einer preisgünstigen örtlichen Tontechnik aufnehmen, die kommerziell mit dem Lockmittel warb: wir nehmen sauber audiophil und authentisch mit nur einem Kugelflächenmikrofon auf. Diese CD-Aufnahme wurde mir zur Klangbeurteilung gegeben. Ich habe 9 Versionen von Carmina als CD vorliegen. Da diese Wunderaufnahme die wirklich schlechtklingendste Aufnahme war, die ich je gehört habe (es war alles authentisch irgendwie drauf), habe ich dem Dirigenten dringend empfohlen, diese CD niemals nach USA an die Konzert-Agentur zu schicken, denn das wäre glatte Negativwerbung. Es gibt eben zu viele gute Vergleichseinspielungen. Irgendwann ist die Größe einer musikalischen Darbietung erreicht, da geht es beim besten Willen mit "Primitivmitteln" nicht mehr, was bei Gesang und Klavier oder einem Streichquartett, gerade noch so möglich sein könnte. Wer also weiß, was in Carmina so alles passiert, der hat auch eine Vorstellung, was man aufnahmetechnisch so alles tun muss. Viel Spass mit der Musik von Henry Purcell: Dido and Aeneas, wobei Vieles von anderen Komponisten später ergänzt wurde, weil die Musik teilweise verloren gegangen ist. Oper in einem Prolog und drei Aufzügen mit folgenden Personen: DIDO [ELISSA], Königin von Karthago (Sopran oder Mezzosopran) BELINDA, ihre Vertraute (Sopran) ZWEITE FRAU (Sopran) AENEAS, trojanischer Fürst (Bariton) ZAUBERIN (Mezzosopran oder Bariton) ERSTER SEEMANN (Tenor) ERSTE HEXE (Sopran) ZWEITE HEXE (Mezzosopran) GEIST (Sopran oder Bariton) CHOR Gefolge, Krieger, Seeleute, Furien
Ja, D&A ist phantastisch. Vor ca. 8 Jahren war ich mal bei einer Inszenierung als Sänger beteiligt. Es gab von dieser Produktion mehrere Aufführungen, jedoch keine Aufzeichnung. Und das war besser so, aber nicht, weil die Interpretation so mies war. Die Musik war erstklassig, hätte aber eine Surroundmikrofonierung gefordert, und damals wussten die wenigsten wohl, was das ist. Das weiss ja auch heute noch keiner so genau und ich eigentlich auch nicht :-) Es gab eine Hauptbühne. (Barockorchester hat links davon gesessen) und das Spektakel fand nicht nur dort statt, sondern auch mal seitlich vom Publikum oder sogar mittendrin. Die Mikrofone hätte man nur abhängen können und bis da dann mal irgendeine Balance stimmt - au weia... Ich hätte da bei ner Live-Tonaufnahme graue Haare gekriegt (damals hatte ich noch keine :-)