Rezeptbuchmentalität

Erstellt 12 Antworten13 Beiträge
Startbeitrag#1
Hallo Kollegen,

angeregt durch die Antworten in dem Thread von Philoton über die Art ein Klavier auzunehmen möchte ich mal eines zu bedenken geben:
Sehr oft werden die Seiten und Vorgehensweisen von Eberhard Sengpiel genannt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, allein schon deshalb, weil man dort wirklich sehr vieles lernen kann und er auch ein zweifellos kompetenter Kollege und Lehrer ist.
Aber...
Leider scheinen viele Kollegen solche Seiten immer wieder als "Rezept- und Kochbuch" zu verstehen und machen stur alle nach was da aufgezeichnet ist (ich denke in erster Linie an Mikrofonaufstellungen, Pegelungen, Pan- und Entzerrereinstellungen.
Ich erinnere daran, daß Ebs selbst gesagt hat, daß es in der Tonaufnahmetechnik keine Rezepte gibt!
Laßt Euch also seine Seiten nur ANREGUNG sein. Stures Nachahmen wird niemals zum gewünschten Erfolg führen. Jede Aufnahemsituation ist anders und von daher ist ein bedingungsloses Nachahmen - ganz gleich von wem - von vornherein schon Nonsens.
Genauso ein Kochbuch war das Buch "Musikaufnahmen" von J. Jecklin.
Viele - sehr viele Leute haben hier stur nachgeahmt, ohne zu bedenken, daß die Aufnahmesituationen von J.J. niemals mit den eigenen übereingestimmt haben.
Und ich selbst weiß zumindest - und das nicht erst seit gestern - daß J.J. leider auch sehr viel Unfug geschrieben hat - z.B. das mit den 20 dB im Pegel abgesenkten Stützmikrofonen. Meine eingene Aufnahmepraxis hat diese These in keinem einzigen Fall bestätigen können.
Nochmals: Tonaufnahme ist keine Kochbuchkunst, sondern jeder muß sich letztlich individuell seine eigenen Gedanken machen.
Anregungen holen JA (dafür ist ja das Forum da) - stur nachahmen NEIN !

Grüße
Rainer
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Antwort#2
Bei einem Seminar mit Bruce Swedin von dem ich weiß haben Menschen über dem Pult gehangen und die Entzerrereinstellungen abgeschrieben...
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Antwort#3
Bei einem Seminar mit Bruce Swedin von dem ich weiß haben Menschen über dem Pult gehangen und die Entzerrereinstellungen abgeschrieben ...
... und seitdem klingen alle Schlagzeugaufnahmen super prägnant und haben den ultimativen Bumms auf der Bass Drum :-)
Entzerrer-Einstellung ist doch alles ... und ... "Glauben" an den Guru.
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Antwort#4
Hi,
ich habe auch das Jecklin-Buch und schaue gerne immer mal wieder auf die EBS-Seiten. Ich sehe es genauso wie Rainer, das die Literatur und der Austausch unter Kollegen wie hier im Forum gute Inspirationen und Anregungen geben kann, mehr nicht. Das eigene Ohr, und die Vision vom Klang durch das "innerere" Ohr ist hier wichtig. Dazu kann man auch gute Aufnahmen von dem entsprechenden Werk zu Gemüte führen, um seine eigenen Vorstellungen zu schärfen. Nachmachen wie beim Kuchenbacken ist hier in der Tat fehl am Platz.


mobile Tonaufnahmen
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Antwort#5
Hallo Rainer,
die von dir angesprochene Kochbuchmentalität kommt automatisch immer dann zum Tragen, wenn eine entsprechende fundierte Ausbildung fehlt.
Da das Thema nicht behersscht wird, muss man halt nachmachen. Und eine exakte 1:1 Reproduktion aller Mikrofonpositionen und Einstellungen garantiert halt die Wiederholbarkeit und die Anzahl der Variablen wird drastisch reduziert.
Aber auch erfahrene Kollegen benutzen ja ihr eigenes Kochbuch - oder fängst du bei Choraufnahmen immer bei '0' an ?
Ein nahezu klassischen Beispiel liefern uns hier die Amerikaner (aber auch andere) die in der Industrie den Begriff der 'SOP' (Standard Operating Procedure) geprägt haben.
Besonders ausgeprägt ist dies übrigens in der chemischen Idustrie, wo jeder ungelernte Depp mit Hilfe einer SOP die komplexesten Vorgänge durchführen kann.
In Deutschland, mit einem hohen Ausbildungsniveau, schüttelt man hierüber nur den Kopf, muss aber ebenfalls mit SOP's arbeiten.
Gruss
Gerhard
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Antwort#6
Hallo Gerhard,

wenn man es genau nimmt, arbeiten wir alle mit einer gewissen "Kochbuchmentalität". Konkret heißt dies, daß ich bei einer Neuaufnahme zuerst mal die von mir in der Vergangenheit angewandten Mikrofonstellungen, Mischpulteinstellungen und Verfahren anwende. Denn sonst würden wir ja bei jedem neuen Projekt immer wieder bei Adam und Eva anfangen.
Die Feinheiten kommen dann zwangsläufig wenn man merkt, es klingt nicht so wie man es sich vorstellt - dann muß man eben verschiedenes verändern.
Ich möchte nur mit meinem Posting aussagen, daß man nicht nach dem Prinzip handeln soll: "Man nehme.... ein Pfund Rindfleisch.... ..... dann gibt es eine gute Suppe.
Denn: ich sehe es ja ständig bei unseren Studenten die dann mit der Frage kommen (nur als Beispiel): "Wie nimmt man denn eine Gitarre auf?" oder entsprechend beim Video: "Wie muß ich Blende, Shutterzeit etc. einstellen... wo stelle ich die Scheinwerfer hin...?".

MfG
Rainer
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Antwort#7
moin!
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Die Feinheiten kommen dann zwangsläufig wenn man merkt, es klingt nicht so wie man es sich vorstellt - dann muß man eben verschiedenes verändern.
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kann das problem vieleicht darin liegen das keine vorstellung vorhanden ist wie es klingen soll?

grüße
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Antwort#8
Jeff: Kann das Problem vieleicht darin liegen das keine Vorstellung vorhanden ist wie es klingen soll?
Du trifftst den Nagel auf den Kopf. Die Feststellung: "Der Klang ist nicht gut" ist vorhanden.
Die Vorstellungkraft, wie es denn besser oder zumindest, wie es denn anders klingen soll, ist fast nie vorhanden.
Dann ist der eigene Handlungsauftrag, wie man jetzt richtig gezielt verändernd eingreifen muss, logischerweise auch nicht vorhanden.
Darum kommt häufig das Flehen nach einem Plug-In für "schöne" Tiefenstaffelung oder "durchsetzungsfähige" Stimme oder eben undifferenziert, wie kriege ich "alles" schön laut.
Man baucht wie beim Arzt die Verschreibung einer Pille eben als eine Art "Kochrezept".
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Antwort#9
...und dabei vergißt man allzu leicht, daß das beste Tiefenstaffelungs-Plugin ein durchdachte Aufstellung der Musiker im entsprechenden Raum und das beste Durchsetzungs-Plugin eine entsprechende Stimme ist.
Schade nur, daß man eben manchmal an eine bestimmte Aufstellung gebunden ist und nunmal mit der Stimme arbeiten muß, die der Sänger hat.
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Antwort#10
pkautzsch: Schade nur, daß man eben manchmal an eine bestimmte Aufstellung gebunden ist und nunmal mit der Stimme arbeiten muss, die der Sänger hat.
Da ist doch Hoffnung.
Man braucht doch nur ein 29 Euro China-Großmembranmikrofon zu kaufen und es über einen "Mikrofon-Modeler" zu jagen. Da kann man ja einfach alle Mikrofonklänge nach Wunsch einstellen:
AKG C12A; C414; C414B/ULS Limited Edition Gold; C414B/ULS Modified by Audio Upgrades; 460B/CK61-ULS; D112; C1000S; D790; C3000; C4000B
Audio-Technica ATM-11; ATM-31; AT853Rx; AT3525; AT4047/SV; AT4033a/SM; AT4050; AT4055; AT4060
Brauner VM1
CAD Equitek E100; Equitek E200; Equitek E350; C400s; VSM1; 95Ni
Coles 4038
Groove Tubes MD1
ElectroVoice N/D357; PL20
MicroTech Gefell UM 800
Neumann U47; U 87; U 87 70th Anniversary Gold Edition; M 149; TLM 193; KM 184; TLM103; U-47 (Original Tube)
Oktava MC-012; MK-319
RØDE NT1; NT2; NTV
Sennheiser MD421; MD441; E609; E835S
Shure Beta 52; Beta 57A; Beta 87A; Beta 98D/S; SM7A; SM57; SM58; SM81; SM98A; KSM32; VP88 Sony C800G; C48; C37P
Sony C37P; C48; C800G;
Bald kommt doch der "Voice-Modeller", da kann man alle Stimmen einfach einstellen, egal welcher Anfänger drüber singt.
Im Programm ist Elton John, Roy Black, Heino, Mireille Mathieu, Louis Armstrong, Luciano Pavarotti, Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen ...
Alles ist schon fertig in der Kiste. Auch Morphing ist möglich, also eine Mischung aus zwei oder mehr Stimm-Charakteren: Markanter Einschwingvorgang von Heino, satter Tonkörper nach Pavarotti und zartes Ausklangshauchen wie die Mathieu.
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Antwort#11
Ich erinnere daran, daß Ebs selbst gesagt hat,
daß es in der Tonaufnahmetechnik keine Rezepte gibt!
Eigentlich sollte jeder schon einmal erlebt haben, daß in einer bestimmten Situation eine Mikrofonierung gefunden wurde, die zu einem grandiosen Ergebnis führte.
Bei mir war dies einmal ein STEINWAY B, der in der Aufnahme klang wie ein wesentlich größeres Instrument.
Einziger Haken: Es gab nie wieder eine Situation, wo diese Aufstellung zu einem auch nur befriedigenden Ergebnis führte ...
Hinzu kommt, daß ein Rezept manchem vielleicht schmeckt, vielleicht aber auch vielen nicht.
Eine Sauce, die zu Rachmaninoff hervorragend schmeckt, paßt vielleicht auch zu Moussorgsky. Einen ranzigen Debussy kann damit sogar noch übertünchen und "nach Art des Hauses" als schmackhaft verkaufen. Aber Mozart oder Bach werden damit nur überschüttet.
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Antwort#12
Hinzu kommt, daß ein Rezept manchem vielleicht schmeckt, vielleicht aber auch vielen nicht.
Darum besonders in der Aufnahmetenik gilt: Rezepte funktionieren fast nie.
Ebs erzählte mal von Japanern, die seine Streichquartett-Aufnahme mit 3 x M50 (Decca-Tree) in Berlin mit vielen Fotos, Handskizzen mit Abmessungen dokumentierten.
Eine Streichquartett-Aufnahme die von japanischen Ingenieuren genau nach diesen Plänen in Osaka (bei 90% Luftfeuchtigkeit) gemacht wurde, klang deutlich anders - eben unbrauchbar.
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Antwort#13
...denn irgendwann kommt sicher ein "chinesisches" Plugin, was all dies zu können behauptet. Wir haben ja schon das NI Guitar-Rig und den Line6-Kram wie Pod und Variax. Bis das auch für Stimmen benutzt wird, ist wohl nur eine Frage der Zeit.
Und dann haben wir hier Fragen wie "Ich hab aber doch Pavarotti eingestellt, warum klingt die Aufnahme, wo mein Kind, der große Star des nächsten Jahrzehnts, singt, nicht so?"
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