Hallo, es ist ja allgemein bekannt, daß Großmembranmikrofone die Königsklasse der Mikrofone sind: Sie nehmen mehr Raumschall auf, sind empfindlicher und haben einen feineren Klang. Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, warum man nicht noch größere Mikrofone gebaut werden wenn sich dieses so günstig auf den Klang auswirkt. Kann mir jemand erklären, wo das Geheimnis liegt? Ist es, weil die Schallwellen effektiver von der Membran eingefangen werden können? Ich habs schon in vielen Foren versucht und bisher konnte mir niemand eine vernünftige Antwort geben. Vielleicht bin ich hier richtig. Gruß Soundman
Um es unemotionaler auszudruecken: Die Koenigsklasse sind tatsaechlich die Kleinmembraner, weil sie das Schallfeld weniger stoeren und wesentlich unverzerrter wandeln koennen. Gross-Membraner haben eventuell den Vorteil, etwas weniger zu rauschen (dieser Unterschied ist in den letzten Jahren aber sehr geschwunden) und vielleicht hoehere Schalldruecke leichter zu vertragen... Jedenfalls haben Grossmembraner immer eine starke Eigenfaerbung; man kann sie aus diesem Grund vielleicht fuer spezielle Zwecke einsetzen, wo man diesen Eigenklang explizit will, aber die "Koenigsklasse" sind sie wirklich nicht! Ahja, es gibt noch einen Einsatz: Wenn ein dummer Saenger oder Musiker glaubt, fuer seine Stimme (seinen Klang) braucht es unbedingt ein grosses Mikrofon, dann soll er das auf eigene Verantwortung auch gerne haben. Im Studio hilft es auch, ihm/ihr ein grosses Mic in den Sichtbereich zu stellen, natuerlich verkabelt, aufnehmen tut man dann vom ebenfalls gestellten Kleinmembran, und der Kuenstler gibt Ruhe. Gruss, Mathematiker
Nochetwas: Das mit dem Raumschall vergiss gleich wieder. Mehr Raum hat man dann, wenn man weniger Direktschall und mehr reflektierten Diffusschall aufnimmt; dh., wenn man zB. Kugel nimmt anstatt Niere, weil der entscheidende Diffusschallanteil aus einer anderen Richtung kommt. Mit der Membrangroesse hat das wenig zu tun. Gruss, Mathematiker
Warum Grossmembraner besser sind: Es ist allgemein bekannt, dass man im Studio besser singt, wenn man seinen Text auswendig kann. Da bei einem GM die Sicht eingeschränkt ist, muss man auswendig singen. Und es klingt besser. Bingo! Ganz im Ernst: Robbie Williams z.B. singt im Studio über ein (sauteures) DPA Kleinmembranmik. Generell kann ich auch sagen, dass GM fast wie Instrumente angeschaut werden können, die das Signal u.U. stark verfärben, was sehr geil sein kann. Gerade bei Raumaufnahmen, Orchester, Chöre (je nach Geschmack bei allem anderen auch) möchte man doch lieber möglichst nahe an dem Original sein. Deswegen werden KMs hier viel öfter eingesetzt. Dass ein GM z.B. die Tiefen besser abbildet ist ein verbreiteter Humbug.
Warum viele Großmembran-"Nieren" dennoch mehr Raumanteile aufnehmen als Kleinmembran-"Nieren": Ihre Richtcharakteristik ist wesentlich stärker frequenzabhängig. Wo z.B. das Neumann 184 bei 250 Hz noch fast eine Niere ist, ist das U87 bereits recht breit. Von hinten nimmt so eine Großmembran sehr dumpf gefärbt auf, der Raumklang ist auch etwas höhenärmer als das Direktsignal, zusammen glaubt man dann, das klänge "fett", wo es in Wirklichkeit nur dumpf und mit manchmal seltsamen Resonanzen tönt. Wirklich "fetten" Klang mit sauberen Bässen erhält man NUR durch Druckempfänger, und die sind in der Regel Kleinmembranen.
"Ganz im Ernst: Robbie Williams z.B. singt im Studio über ein (sauteures) DPA Kleinmembranmik. " Leider nur fast richtig, es ist eine 1" Großmembran, die aufgrund der für GMs seltenen Stäbchen-Bauart aber nur schwer von einer Kleinmembran zu unterscheiden ist. Das Mic heisst DPA 4041.
Zur Ergänzung kann man sich nebeinander einmal die frequenzabhängigen Polardiagramme (Richtdiagramme) eines Großmembran- und eines Kleinmembranmikrofons ansehen und in Ruhe studieren. Besonders wenn man von hinten reinsingt, wird es recht deutliche Unterschiede geben, wie man hier sehen kann.
So ganz nebenbei - Ihr zerstört gerade mein Weltbild ! Muß ich mir das antun oder kann ich meine Großmembranen weiterverwenden? Ich wollte immer einen möglichst natürlichen Sound, nix verändern oder so. Die Verkäufer im Musikgeschäft menes Vertrauens haben mit immer zu Großmembranen geraten und gesagt, daß Kleinmembrannieren grundsätzlich nicht für Gesang geeignet wären und dann meist auch nur von Amateuren verwendet werden. Kleinmembrane habe ich bisher noch nicht ausprobiert. Ist das jetzt Irreführung?
Wenn du mehr das Originalschallfeld abbilden willst, weil du eine ideale Schallquelle hast, dann wirst du nur Kleinmembranmikrofone nehmen. Wenn du mit dem was du hörst nicht zufrieden bist, dann hoffst du durch Großmembranmikrofone eine Verbesserung zu erreichen. Manche glauben dort "Wärme" zu finden. Die Mikrofonverkäufer haben es bei Anfängern mit letzterer Sorte zu tun und verkaufen darum glänzend aussehende große "Klopper" als Schallfeldstörung. Der Kunde denkt nicht an Störung, sondern hat nur Schönklanghoffnung, was immer das sein soll. Hingegen hat der Fachmann eine differenziertere Sicht. Du bist gerade auf dem Wege dorthin. Alles Gute.
"Wer Ohren hat, der höre!" steht sogar schon in der Bibel :) Was hier in diesem Forum oder beim Händler gesagt wird - schön und gut, aber sich eine eigene Meinung und vor allem Klangvorstellung zu erarbeiten ist das A&Ω. Die Meinungen hier im Forum können eine gute Orientierung sein. Die Ansicht des Händlers ist aber auf jeden Fall immer noch durch sein kommerzielles Interesse geprägt. Ahnungslosigkeit gibts aber überall... Ich vermute mal, Deine Grossmembran-Mikrofone sind nicht in der Preisklasse eines Neumann U87 von so ca. 2 kiloEuro?! :) Grossmembranen sind durch ihre nicht-neutralen Klangeigenschaften sehr gut geeignet, wenn ich den Sound schon am Anfang der Aufnahmekette gestalten will. Da solltest Du wirklich schon eine genaue Vorstellung davon haben, wie es klingen soll (gute Raumakustik natürlich immer vorausgesetzt). Neutraler sind sicher die Kleinmembran-Mikros. Die Wertungen "gut"/"schlecht" - "für Profis"/"für Amateure" - "für Gesang/für Instrumente" kann man so nicht pauschal sagen. Wenn ein altes Kohlekörnermikrofon für eine Aufnahme genau den Sound liefert, den Du Dir vostellst, ist es trotz aller Unzulänglichkeiten ein 'gutes' Mikrofon.
Den Druckstau kriegst du in dieser Form nicht mit dem EQ hin. Der EQ verändert das *gesamte* Signal unabhängig von der Schalleinfallsrichtung, der Druckstau hingegen ist abhängig von der Einfallsrichtung. Sehr anschaulich ist das beim Neumann M50 und seinen Nachfolgern, sowie den "Golfbällen" (SBK bei Neumann, APE bei dpa, KA bei Schoeps) zum Aufstecken auf Kleinmembran-Kugeln. Man braucht nur das Richtdiagramm eines KM130 mit und ohne SBK miteinander zu vergleichen. Aber es ist schon wahr: Wenn man nicht so ganz sicher ist, was man haben will, dann wollen sie einem meistens ihre Hausmarken-Großmembraner verkaufen. Und selbst wenn man weiß, daß man Kleinmembran-Achten mit EINER Membran sucht (T: "Die Acht entsteht doch aus zwei Nieren, das geht doch gar nicht mit einer Membran"...), und nach Alternativen zur MK8/MKH20/KM120 fragt: "Nimm doch die Oktava MC-012, die kosten viel weniger und du da hast dann sogar drei Charakteristiken!" Nur nicht die, die ich eigentlich wollte. Inzwischen hab ich beschlossen, wohl doch auf die MK8 zu sparen.
Du kannst Deine GMs weiterverwenden, wenn Dir bisher Deine Aufnahmen gefallen haben. Vergiss nicht, dass Du entscheidest, wie Deine Aufnahmen klingen sollen, nicht die Physik. Es handelt sich letztlich um persoenlichen Geschmack. Die professionelle Aufnahmetaetigkeit erfordert aber, dass man nicht willkuerlich in irgendeine Richtung hin ausprobiert, sondern sich an gewissen "Normen" orientieren kann. Im professionellen Bereich gibt es zudem einige Vorschriften, die natuerlich physikalisch abgesfasst sind. Um ein brauchbares Gefuehl zu bekommen, in welcher Art und Weise ein GM faerbt, benoetigt man ein Vergleichsobjekt. Als ein solches Vergleichsobjekt ist eher ein KM mit einem moeglichst linearen Frequenzgang geeignet. Ein solches liefert einen Bezugspunkt, einen Ausgangspunkt. Wenn man weiss, wie es "linear" "klingt", dann kann man eher die GMs einschaetzen und spezifischer einsetzen. Man kann natuerlich auch einen anderen Bezugspunkt waehlen, zB. ein GM. Mit einem GM ist es aber viel schwieriger, gut Hoeren und Fehler-Korrigieren zu lernen. Gruss, Mathematiker
..äähh jo das mit dem druckstau krieg ich doch hin zumindest für gesang direkt vorm mic, habs ausprobiert... zu mc012: ich habe beide, russische MK-012 und chinesische MC-012 und ich muss sagen: gugg dass du die russischen bekommst! klingen besser obwohl es ein paar andere mängel, wie z.b. den verbindungsstift der kapseln gibt. grüsse dB
Achte mal auf den Raumklang, und insbesondere mal auf eine Schallquelle *hinter* dem Mikrofon, und vergleiche akustische druckstaubedingte Höhenanhebung mit elektrisch entzerrter Höhenanhebung. In der Haupteinsprechrichtung ist das dasselbe, aber die von hinten und seitlich einfallenden Reflexionen bilden eben keinen Druckstau aus und erfahren deshalb keine Höhenanhebung an der Membran. Bei den "Golfbällen" wird der Schall von hinten sogar noch etwas stärker gedämpft.
Und mal wieder zu schnell auf Absenden gedrückt. Bei Gesang direkt vorm Mikrofon hast du ja auch einen sehr geringen Raumanteil gegenüber dem Direktsignal. Da mag das vernachlässigbar sein. Ebenso bei IDEALEN Druckempfängern. Zu den Oktavas: ich will weder die chinesischen MCs noch die russischen MKs. Ich will Achtercharakteristik. Das ist ja das Witzige bei dem Erlebnis mit dem Verkäufer vom großen T, der mir etwas andrehen wollte, was ich überhaupt nicht brauche, statt mir das zu verkaufen, was ich wollte! Mit meinen zwei russischen Oktava-GMs bin ich, dort wo ich sie gezielt gestaltend einsetze, sehr zufrieden.