Hallo liebe Tontechniker, ich nehme zur Zeit viele klassische Werke auf, ohne ein Musikstudium absolviert zu haben, und interessiere mich dabei immer mehr für die Musik selbst. Natürlich kann ich hier kein Studium nachholen, aber vielleicht könnt ihr mir kurz bei einer kleinen Frage helfen. Bei vielen Werken fällt mir auf, dass sie aus 3 oder 4 Sätzen bestehen. Sinfonien meist viersätzig in der Art Allegro - Andante - Menuetto - Allegro, die dreisätzigen Werke meist in Allegro - Andante - Allegro. Überhaupt scheinen die Geschwindigkeiten Allegro und Andante eine gewichtige Rolle zu spielen. a) Kann ich daraus allgemeingültige Rückschlüsse ziehen, oder ist das nur ein "dummer Zufall", z.B. weil ich z.Zt. viele Mozart's aufnehme? b) Sind die Mittelteile häufig im 3/4-Takt und/oder langsamer, während die Anfangs- und Endsätze schneller (und im 4/4-Takt) gespielt werden? c) Ist es üblich, die Sätze auf der CD zu trennen? (z.B. bei Studioproduktionen ohne Publikum trennen und bei Konzertmitschnitten mit Publikum zusammen lassen?) Ich freue mich auf Eure Antworten und wünsche allen weiterhin ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch. Wolfgang
"ich nehme zur Zeit viele klassische Werke auf, ohne ein Musikstudium absolviert zu haben, und interessiere mich dabei immer mehr für die Musik selbst. Natürlich kann ich hier kein Studium nachholen, aber vielleicht könnt ihr mir kurz bei einer kleinen Frage helfen. Bei vielen Werken fällt mir auf, dass sie aus 3 oder 4 Sätzen bestehen. " Es gibt auch einsätzige, fünfsätzige, siebensätzige....das ist - wenn es sich nicht um ein Werk handelt, dass aufgrund seiner Bezeichnung (z.b. Symphonie) einer gewissen Form bedarf - der Komponierlaune des Urhebers überlassen. "Sinfonien meist viersätzig" Symphonien sind per Definition drei- oder viersätzig - in ihrer Anfangsphase im späteren Barock dreisätzig (schnell-langsam-schnell), später (ab der Wiener Klassik) viersätzig. "in der Art Allegro - Andante - Menuetto - Allegro, die dreisätzigen Werke meist in Allegro - Andante - Allegro. Überhaupt scheinen die Geschwindigkeiten Allegro und Andante eine gewichtige Rolle zu spielen. " Kann, muss aber nicht sein. Eine Regel ist aber das zwei schnell(ere) Sätze den Rahmen bilden, und zumindest einer der Mittelsätze ein langsamer ist. Bei dreisätzigen Symphonien also schnell-langsam-schnell, bei viersätzigen zumeist schnell - langsam - mittelschnell/schnell - schnell. Aber wie immer keine Regel ohne Ausnahme, vor allem bei spätromantischen und modernen Kompositionen. "a) Kann ich daraus allgemeingültige Rückschlüsse ziehen, oder ist das nur ein "dummer Zufall", z.B. weil ich z.Zt. viele Mozart's aufnehme?" Da Mozart seine bewährten Kochrezepte geliebt hat, hat es sicher auch damit zu tun. Wie gesagt, die "Geschwindigkeitsklassen" sind bei der Symphonie relativ klar definiert, aber wie die Tempi jetzt per se bezeichnet werden, das ist von Komponist zu Komponist unterschiedlich. Im Übrigen ist ja auch das Tempoempfinden von Komponist zu Komponist unterschiedlich (und erst recht von Interpret zu Interpret). "b) Sind die Mittelteile häufig im 3/4-Takt und/oder langsamer, während die Anfangs- und Endsätze schneller (und im 4/4-Takt) gespielt werden?" Siehe oben, richtige Beobachtung, hat aber garnichts mit der Taktart zu tun, die hat rel. wenig Einfluss auf die Geschwindigkeit - oft wird ja auch in einem Satz mehrmals gewechselt. "c) Ist es üblich, die Sätze auf der CD zu trennen? (z.B. bei Studioproduktionen ohne Publikum trennen und bei Konzertmitschnitten mit Publikum zusammen lassen?)" Wie meinst Du das? Jeder Satz sollte einen Track-Index bekommen, da er einen insich abgeschlossenen Teil darstellt (auch die Sätze die mit Attacca nahtlos ineinander übergehen). Trennen in Form eines digitalen 0 würde ich auch bei einer Studioproduktion nicht machen, das wirkt unnatürlich. Im übrigen sollte man die Pausen, die in Konzerten entstehen, auf ein "musikalisches" Maß zusammenkürzen. Ich hoffe ich konnte ein wenig helfen :-)
Die viersätzige Sinfonieform ist üblich. Wenn sie mal drei Sätze, so muss das keine "Unvollendete" sein, über die der Komponist gestorben ist. Das Menuett wurde in der Nach-Mozart-Zeit eher Scherzo genannt (Beethoven). Das Tempo der Sätze zueinander hat eine Bedeutung ,auch um Spannung beim Zuhörer zu erzeugen. Da gibt es gewisse Unterschiede zwischen den Dirigenten.
Ein recht guter musikhistorischer Überblick ist der DTV-Atlas Musik. Da wirst du deine Eindrücke großenteils bestätigt finden - sie sind in der Tat ein gängiges Schema. Ergänzend zu Tonzauberers sehr guter Antwort noch ein paar Vertiefungen - wer "trockene theoretische Korinthenkackerei" nicht mag, der möge bitte nicht weiterlesen: - auch bei den meisten Gattungen der Kammermusik aus der "Klassik" von ca. 1750 bis ca. 1830 findet man einen drei- oder viersätzigen Aufbau mit schnellen Eck- und ruhigen Mittelsätzen. Das Wort "langsam" ("lento" oder "largo"="breit") vermeide ich hier ganz bewußt, denn "Andante" heißt nichts weiter als "gehend". Mozart hat also, strenggenommen, keine langsamen Sätze geschrieben. Etabliert hat sich dieser Aufbau, wie Tonzauberer schon schrieb, im späteren Barock, als die Instrumentalmusik zunehmend in die bei Palestrina noch rein vokale "Kunstmusik" vordrang (insbesondere die Entwicklung der Oper mit ihren instrumentalen Zwischenmusiken war dafür entscheidend). Finalsätze sind öfter auch 6/8. Daß sich diese Satzfolge dann auch in der Sinfonie und dem Streichquartett etabliert, ist im Wesentlichen auf Haydn und seine immense Produktion (und hervorragende Vermarktung - kaum ein Komponist war zu Lebzeiten kommerziell so erfolgreich wie Haydn!) zurückzuführen. - Im Hinblick auf die Geschwindigkeit ist nicht nur die Tempobezeichnung wichtig, sondern auch die Taktart. Gemein ist hier Alla Breve: insbesondere wenn genügend Sechzehntel vorkommen, kann ein Andante-alla-Breve-Takt ganz schön flott sein. Leider ist die Verwendung des Alla-Breve-Zeichens bei verschiedenen Komponisten unterschiedlich. Bei Bach ist es mit "Vivace" nahezu bedeutungsgleich, bei Mozart muß man neueren Erkenntnissen (Levin!) zufolge manche Sätze tatsächlich doppelt so schnell spielen wie man das gewohnt ist, bei anderen wiederum kann es durchaus auch nur mit der Gewichtung der Schläge zu tun haben (auf 1 und 3 mehr Gewicht als bei 4/4 - bzw. auf 2 und 4 weniger!). Und die Ansicht des Dirigenten kommt da auch manchmal mit hinein. - Wer möchte, kann auch noch unterscheiden zwischen "Sinfonie" und "Symphonie" - letztere, spätere, ist vom Komponisten als Gesamtwerk für den Konzertsaal (z.B. Musikvereinssaal oder ähnliche Bauten des 19. Jahrhunderts) konzipiert und wurde historisch als Ganzes aufgeführt, wohingegen eine echt "historische" Aufführungspraxis der frühklassischen (welch Unwort!) Sinfonie am Hof durchaus den Applaus nicht nur nach jedem Satz, sondern auch während des Satzes nach besonders reizvollen Stellen (Mozart schreibt in einem Brief im Kontext seiner "Pariser" Sinfonie von Zwischenapplaus nach einem grandiosen Tutti-Einsatz - genau so wie er es kalkuliert habe), außerdem prompte Wiederholung eines besonders beklatschten Satzes oder das Zerstückeln einer Sinfonie über ein ganzes höfisches Festmahl - statt etwas Husten und Bonbonpapier also Geschirrklappern und Smalltalk zwischen den Sätzen. Für die moderne Tonträgerpraxis hat das allerdings höchstens marginalen Stellenwert.
pkautzsch: "- Im Hinblick auf die Geschwindigkeit ist nicht nur die Tempobezeichnung wichtig, sondern auch die Taktart. Gemein ist hier Alla Breve: insbesondere wenn genügend Sechzehntel vorkommen, kann ein Andante-alla-Breve-Takt ganz schön flott sein. Leider ist die Verwendung des Alla-Breve-Zeichens bei verschiedenen Komponisten unterschiedlich. Bei Bach ist es mit "Vivace" nahezu bedeutungsgleich, bei Mozart muß man neueren Erkenntnissen (Levin!) zufolge manche Sätze tatsächlich doppelt so schnell spielen wie man das gewohnt ist, bei anderen wiederum kann es durchaus auch nur mit der Gewichtung der Schläge zu tun haben (auf 1 und 3 mehr Gewicht als bei 4/4 - bzw. auf 2 und 4 weniger!). Und die Ansicht des Dirigenten kommt da auch manchmal mit hinein." Hallo pkautzsch, ja, tatsächlich, das vivace habe ich gleich in WAM Klavierkonzert Nr. 21 in C wiedergefunden. Der letzte Satz hat dort die Bezeichnung "Allegro vivace assai". Interessant, interessant. Schade, dass ich nicht doch ein musikalischeres Fach studiert habe, aber vermutlich hätte ich nicht einmal die Aufnahmevoraussetzungen mitgebracht ... :-(( Wolfgang
Hallo liebe Tontechniker, herzlichen Dank für die vielen Postings. Damit hätte ich gar nicht gerechnet - ganz im Gegenteil: Ich hatte mich gefragt, ob ich eine solche Frage hier überhaupt stellen sollte. Deshalb nochmals meinen allerherzlichsten Dank und weiterhin ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch. Wolfgang