Hallo, Ich möchte gerne ein Orchester stereo aufnehmen. Ich hab nun das nötige Material (Rode NT1000 + RME Hammerfall). Wie mach ich das am Besten? Ich hab mir gedacht: ORTF, 17.5 cm Abstand und 110 Grad Winkel. Ist das ok? Wie hoch müsste das sein, wo hingerichtet, wie weit vom Orchster weg? Sind Grossmembranmiks überhaupt dafür geeignet? Sorry wegen der vielen Fragen, ich würde mich über jede Antwort freuen! Olivier
Hallo Oliver, Die Frage "Wie nehme ich ein Orchester auf" ist genauso unpräzise wie wenn jemand einen Arzt fragt: "Mir juckt es dauernd im kleinen Zeh, welche Krankheiten habe ich?". Ist nicht böse gemeint, aber Du ahnst sicher schon, worauf es hinaus läuft. Du mußt schon präzisieren: Was für ein Orchester? Sinfonieorchester, reines Streichorchester, Blasorchester oder ? Wieviele Musiker spielen/welche Besetzung? Falls Sinfonieorchester: Wieviele Streicher, wieviele Bläser etc. große oder kleine Besetzung? (Geht aus der Partitur hervor). Welche Sitzordnung? Deutsche Sitzordnung (die 2.Geigen sitzen da rechts) oder amerikanische Sitzordnung (Celli sitzen rechts) Wie sind sonst die übrigen Instrumente angeordnet? Welches Werk wird gespielt? Wie ist der Raum beschaffen? Wie ist die Raumakustik, sehr trocken oder sehr hallig, starke Frühschallreflexionen ? Du siehst: Es tauchen viele Frage auf und dies muß als Vorabinformation bekannt sein. Auf jeden Fall wirst Du mit einem ORTF alleine nicht glücklich werden. Auch spielt es keine Rolle, ob mit groß- oder kleinmembranigen Mikrofonen aufgenommen wird. Man kann mit einem Arsenal U87/U89/SM69 ebenso ein Orchester aufnehmen wie mit einem Arsenal KM84/KM86 oder KM 140 oder vergleichbare von Schoeps, Sennheiser u.a. Ist letzlich eine Frage des üersönlichen Geschmacks und der Klangvorstellung. Kurz gesagt: Die Art und Weise wie man ein Orchester aufnimmt ist so mannigfaltig daß es unmöglich ist, irgendwelche "Rezeptvorschläge" zu geben. Ich habe häufig Aufnahmen von Sinfonieorchestern - teils mit großer Besetzung - und habe auch vorher schon Vorstellungen über mögliche Mikrofonanordnungen, aber es gibt keine Situation, wo man einfach nur "kopieren" braucht.
Die Ausführungen von Rainer mit dem Hinweis auf die vielen noch offen gebliebenen Details kann ich nur nachdrücklich bekräftigen. Aber eine Aussage möchte ich doch relativieren: dass man "mit einem ORTF alleine nicht glücklich werden kann" gilt sicherlich oft. Aber ich suche immer mal wieder Gelegenheiten, Aufnahmen mit sogenannter "One-Point-Stereotechnik" zu machen. Dazu angeregt wurde ich von einer Ausgabe mit 5 CDs von DENON (LC 8723), wo große Sinfonieorchester mit nur 2 B&K Kugeln in A-B Anordnung aufgenommen wurden. Zugegeben: nicht alle meine Aufnahmen mit nur einem HS können als gelungen bezeichnet werden, aber wenn es die Raumakustik hergibt, entstehen durchaus oft auch gute und sehr gute Ergebnisse. Kürzlich hatte ich Serenaden mit einem 25 köpfigen Streichorchester in einer Kirche aufgenommen und bei dieser Gelegenheit parallel (und getrennt) mit NOS und A-B gearbeitet. Sowohl die Mitwirkenden als auch weitere kritische Hörer waren vom Ergebnis sehr angetan. Es gab aber keine klare Mehrheitsentscheidung, ob nun A-B oder NOS in diesem Fall zu bevorzugen ist. Gerade für die (anschließende) Kontrolle der Mitwirkenden zur Beurteilung des eigenen Vortrags halte ich diese Aufnahmetechnik für sehr sachgerecht, da insbesondere die Balance zwischen den Instrumenten genau die Gestaltung durch Orchester und Dirigent bewahrt. Da keine Stützen hinzugemischt werden, gibt es hier auch keine Einflußnahme seitens des "Tonverantwortlichen".
Hallo, Danke für die Hinweise. Ich werde mich über möglichst alle angeführten Punkte zu informieren versuchen und meine Frage dann noch einmal präziser stellen. Kann man im Internet oder in Buchform Literatur finden, die einfach verständlich und umfassend in das Thema einführt? Merci nochmal, Olivier
Ja, gibt es: Den "kleinen" Dickreiter - Mikrofonaufnahmetechnik Alternativ und allumfassender: Die homepage von ebs: www.sengpielaudio.de 3. Möglichkeit: Auf www.schoeps.de gibt es die Mikrofonaufsätze von Jörg Wuttke zum Herunterladen oder Bestellen - einige handeln auch von Stereomikrofonierung... Liebe Grüße Georg
Ich muss mich Rainer wirklich anschließen, die Frage ist so generell leider nicht zu beantworten. Vielleicht braucht man auch nicht unbedingt zehn bis zwölf Semester an der UdK Berlin, aber ganz so einfach ist das nun auch wieder nicht. Natürlich kann ein reines Hauptmikrofonverfahren in besonders günstigen Fällen recht anständige Ergebnisse liefern. Ob man sich damit begnügen muss, das hängt ja auch vom zur Verfügung stehenden Budget und den vorhandenen Geräten ab. Aber ganz ohne Stützen wird es so gut wie nie gehen. Es müssen ja nun auch nicht so viele Stützen sein, dass aus dem Hauptmikrofonverfahren ein Einzelmikrofonverfahren wird, aber ein bißchen anstützen muss man fast immer irgendwo. Und wenn man erst mal mit Stützen anfängt, werden es naturgemäß immer mehr, weil man dann auch psychologische Fragen im Umgang mit den Musikern berücksichtigen muss. Eberhard scheint seit gestern nicht reingeschaut zu haben, daher vertrete ich ihn mal kurz: "Eine gute Aufnahme geht von der Partitur aus". Schau doch mal in die Blätter. Dann siehst Du schon recht genau, wo die Knackpunkte sein werden und wo gestützt werden muss. Viel Erfolg! Matthias
Oliver Gogolo fragt: "Kann man im Internet oder in Buchform irgend welche Literatur finden, die einfach und verständlich in das Thema "Tonstudiotechnik" und "Mikrofonaufnahmetechnik" einführt?"
Eine Umfrage unter den Tonmeister-Studenten ergab eine Reihenfolge der zur Zeit verwendeten auf Deutsch geschriebenen Tontechnikbücher. Klicke dazu einfach den Link unten "Tontechnik-Literatur (Deutsch)" Interessanter finde ich viele nur auf englisch erschienene Bücher zur Tonstudiotechnik. Aber ich höre immer wieder, dass das zu anstrengend zu lesen sei. Englisch gehört einfach zu unserer Arbeit. Viele Audio-Geräte haben nie ein Manual auf deutsch bekommen. Beste Grüße ebs Forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik http://www.sengpielaudio.com