Habe nächstens zum ersten Mal eine Aufnahme eines 100-Seelenchores,zwei Solisten an der Bühnenkante,begleitet von einem Symphonischen Orchester, ( Mahler/ Brahms) und bin mir mit der Mikrofonaufstellung nicht ganz sicher. Persönlich neige ich zum Blumleinverfahren als Hauptmikrofon, in der Mitte des Orchesters platziert, zusätzlich links und rechts an den Bühnenrand eine omnidirektionale Stütze für die Solisten, was vermutlich auch die Ersten Geigen bzw. bei Bedarf die Bratschen und Celli stützen dürfte. Blumlein in der Mitte hat sich bei einem reinen Orchestermitschnitt für meinen Geschmack bewährt, allerdings habe ich keine Erfahrung mit begleiteten Großchören. Vielleicht hat jemand Erfahrerenes eine Meinung dazu. Zweites Problem : Umblättergeräusche und wie sie zu vermeiden wären, oder muß ich damit leben im Sinne einer Nachbearbeitung?
Blumlein ratei ich für derartige Anwendungen ab, zumindest in der Orchestermitte würde ich es auf keinen Fall empfehlen, weil es aufgrund des Bereiches außerhalb 90° zu Mehrdeutigkeiten in der Abbildung der Schallquellen kommt. Wenn schon Blumlein, dann VOR das Orchester (also auf jeden Fall hinter den Dirigenten) und so, daß der Aufnahmebreich von 90° voll ausgeschöpft wird. Denke daran, wenn Du Blumlein machst, daß der Aufnahmebreich nur 90° beträgt und mit dem Versatzwinkel gleich ist und außerdem alles was in den hinteren Zipfeln der Achtcharakteristik fällt nicht nur gegenphasig, sondern auch noch seitenverkehrt abgebildet wird ! Der seitliche Bereich zwischen den beiden Mikrofonen wird grundsätzlich gegenphasig abgebildet und richtungsmäßig nicht definiert. Eine bessere Lösung für derartige Besetzungen ist: Hauptsystem vor das Orchester stellen - entweder M/S oder A/B. In das Orchester einzelne Stüzten stellen. Für die Streicher kommt man oft mit 4 Mikrofonen aus die relativ nah platziert sind, Kontrabaß extra stützen (aber nur EINEN Kontrabaß und nicht verhallen!) Den Chor mit der von mir in meinem Aufsatz in Stage-Aid beschriebenen "M"-Anordnung mit 5 Nieren. Die Solisten kann man entweder mit 2 einzelnen Nieren oder mit einer X/Y-Anordnung mit 2 Supernieren stützen. Die Stütze mit 2 Supernieren hat oft den Effekt, daß man die Solisten VOR der Lautsprecherbasis lokalisieren kann. Eine ähnliche Aufnahme hatte ich vergangenes Wochenende in der Stadtkirche Friedberg (Hessen): Messe solenelle von Hector Berlioz. 20 Mikrofone - 2 für die Solisten (KM 140) , 2 als Hauptsystem hinter dem Dirigenten (Schoeps MK 3), 5 für den Chor (Schoeps MK4 und MK5), 1 MK5 für die Harfe, der Rest als Orchesterstützen (KM 84 und KM 86).
"Denke daran, wenn Du Blumlein machst, daß der Aufnahmebreich nur 90° beträgt und mit dem Versatzwinkel gleich ist " Obacht Rainer, das habe ich auch gedacht, und leider geirrt! Der Aufnahmebereich bei Blumlein beträgt sogar nur 76°, zumindest wenn ich EBS glauben darf und meine Aufnahme-Experimente richtig auswerte
Beiden Protagonisten kann man Korrektheit in ihren Aussagen zusprechen, sofern das bei diesem so delikaten wie vielschichtigen Thema überhaupt angemessen erscheinen will: Beim klassischen Durchrechnen der Anordnung Blumleins ergibt sich nämlich, dass Signale, die unter mehr als ± 38° und weniger als ±53° einfallen, in den Lautsprechern rechts und links abgebildet werden. Rainers ±45° liegen also genau in der Mitte dieser 'Randkompressionen'. Hans-Joachim
"Blumlein in der Mitte hat sich bei einem reinem Orchestermitschnitt für meinen Geschmack bewährt". Diese Meinung scheint auffällig selten zu sein. Berichte mal.
Beim Blumlein 90°-Achten-Mikrofon ist aus 45° Schalleinfallswinkel der größtmögliche Pegelunterschied zu erreichen. Da aber 15 bis 18 dB Pegelunterschied schon ausreichen, um die volle Richtung eines Lautsprechers zu empfinden, genügt schon ein kleinerer Winkel. So ergibt ein kleinerer Einfallswinkel von etwa 38° diese hinreichenden 18 dB Pegeldifferenz. Größere Winkel (also auch 45°) bringen keine Richtungsänderung mehr. Somit ergibt zweimal 38° eben diesen Aufnahmebereich mit 76°. Schön, dass es auch mal eine Theorie gibt, die hier mit der Praxis der Koinzidenzstereofonie übereinstimmt.
Zitat: "Beim klassischen Durchrechnen der Anordnung Blumleins ergibt sich nämlich, dass Signale, die unter mehr als ± 38° und weniger als ±53° einfallen, in den Lautsprechern rechts und links abgebildet werden." Dieses mit der Überbasis ist Psychoakustik und ist delikat. Es gilt nur für Frequenzen unter 800 Hz und ist auch nicht richtig durchrechenbar. Die Inphasesignale hingegen sind es. Ein Achtermikrofon funktioniert im Inphasebereich wie ein (akustisches) Panpot. Die Einfallswinkel auf das Mikrofon zwischen 38° und 53° fallen so gut wie punktförmig aus einem Lautsprecher. Basis und Überbasis - S/M-Einstellung http://www.sengpielaudio.com/BasisUndUeberbasis.pdf Sichtbarmachung der Stereorichtung mit dem Stereosichtgerät http://www.sengpielaudio.com/SichtbarmachungDerStereorichtung.pdf
Für solche Aktionen bin ich ja ein großer AB-Fan. Abhängig von der Güte des Chores kann man evtl. sogar auf Chorstützen ganz verzichten: Mäßig sicherer, aber unmäßig lauter Laienchor ist sicherlich besser von etwas weiter weg und nicht allzu präzise aufgenommen. 5 Mikrofone für den Chor kann ich mir eher bei *guten* Chören vorstellen. Sehr gerne mache ich Chorstützen mit nur zwei MK21 relativ weit auseinander, für *ein bißchen* Definition. Genügend Abstand ist bei solchen Aufstellungen lebenswichtig, sonst hört man Einzelne heraus. Zum Orchester: Entweder eben "übliche" Stützen zur Haupt-AB dazu, oder evtl. (Decca-)Dreieck mit Kugeln. Bei Brahms/Mahler tippe ich mal auf größere Orchesterbesetzung, da könnte ich mir das gut vorstellen. Bzw. Dreieck mit Flanken, was dann ein "W" ergibt... Damit hat man das Orchester größtenteils abgedeckt. Solisten- und Kontrabaßstütze dazu, Pauken vermutlich auch, damit die nicht *nur* wummern. Und eine schöne Sengpiel'sche Zumisch-AB dazu. Wenn du sowieso Achten hast, dann könnten die sich gut machen als Streicherstützen, die das Blech gut ausblenden.
Wenn du sowieso Achten hast, dann könnten die sich gut machen als Streicherstützen, die das Blech gut ausblenden. Aber dann sind diese Achten bestimmt als Einzelstützen gemeint und nicht als Blumlein-Mikrofonsystem. Ein guter Tipp.
...da kommt mir gerade noch so ein Gedanke, den man mal ausprobieren müßte: ein *senkrecht* gestelltes Blumlein-System als Gruppenstütze. Das Ding zeigt also nach unten und (phaseninvertiert) oben, aber ist nach vorne und hinten unempfindlich. Kein Publikum, kein Blech, kein Chor. z.B. für 2. Geige, Bratsche, evtl. auch (wenn das nötig ist) Holzbläser.
Bei *einer* Harfenstütze (Mono) zeigt man mit der Plus-Kugel auf Mitte des unten liegenden Resonanzkörpers, mit der Minuskugel schräg oben in den Raum und mit den dämpfenden Seiten gewollt auf Hörner und Perkussion. Das würde ich mit einer hochkant Blumleinanordnung nicht so machen, denn eine 90° Achter Blumlein-Anordnung hat bei jedem Schalleinfallswinkel, also rundum (!) gleiche Energieaufnahme - natürlich unterschiedliche Polung in den Seitenquadranten. Darum kommt für mich ein Blumlein als Stereostütze nie infrage. Als Hauptmikrofon bei Orgel oder bei Chor kann man drüber nachdenken. Ein ORTF mal hochkannt "missbraucht", kann sehr wohl gehen. Das hatten wir aber hier schon einmal.
Dieses Prinzip habe ich schon öfter gemacht. Ich nehme daher vorsichtshalber vor die Holzbläser die KM 86, weil ich die dann für den Notfall auf "8" umschalten kann um den nahe dahinter stehenden Chor weitestgehend auszublenden. Man muß nur eines beachten: Je mehr sich ein Mikrofon vom Druckempfängerprinzip entfernt, desto körperschallempfindlicher wird es. Es empfiehlt sich bei Achtcharakteristik das Mikrofon in eine Schwingschutzspinne zu spannen.
Ein Blumlein-System hat insgesamt eine torusförmige Richtcharakteristik. Keine kugelförmige. Es besteht, wie wir alle wissen, aus zwei Achten, die in derselben Ebene um 90° gewinkelt angeordnet sind. Eine Acht zeigt nach links vorne und invertiert nach rechts hinten, die andere Acht zeigt nach rechts vorne und invertiert nach links hinten. Keines der beiden Mikrofone zeigt nach oben oder unten. Beide Mikrofone haben nach oben und unten die größte Ausblendung. Darum eignet sich Blumlein ja zumindest theoretisch gut für Livemitschnitte über Publikum. Und jetzt kippt man das Ganze um 90° nach vorne. Dann zeigt die eine Acht nach links unten und invertiert nach rechts oben, die andere Acht zeigt nach rechts unten und invertiert nach links oben. Keines der beiden Mikrofone zeigt nach vorne oder hinten. Beide Mikrofone haben nach vorne und hinten die größte Ausblendung. Das eignet sich dann besonders gut für Hinterbänkler-Stützen vor lauten Laienchören. Man muß nur aufpassen, daß sich außerhalb der 90° keine Schallquellen befinden, die lokalisierbar sein sollen.
eine Toruscharakteristik hat Blumlein nicht. Denn wenn man die Monosumme bildet, ergibt sich für die resultierende M-Komponente wieder eine Acht die in Richtung Schallquellenmitte zeigt. Und für die Differenz (als das S-Signal) ergibt sich eine querliegende Acht. Erst wenn man beide Signale unter einer frequenzunabhängigen Phasenverschiebung von 90° addiert, erhält man eine Toruscharakteristik.
Liegender Torus ist die richtige Beschreibung des gekreuzten Blumleinsystems. Die Richtung oben und unten, wird auch nicht von den Mikrofonfirmen betrachtet, denn auf einer Seite sitzt zumindest beim bequemen SM69 von Neumann der Mikrofonkörper. So sieht der waagrecht liegende Torus passend zu diesem senkrecht stehenden SM69 (Blumleinmikrofon 90° Acht/Acht) aus:
Da habe ich mich (mal wieder) nicht so exakt ausgedrückt, wie das vielleicht möglich gewesen wäre. Fakt ist und bleibt aber, unabhängig ob nun Torus oder zwei gekreuzte Achten: oben und unten ist Blumlein unempfindlich.
Wenn man die Monosumme bildet, ergibt sich für die resultierende M-Komponente wieder eine Acht die in Richtung Schallquellenmitte zeigt. Eine Toruscharakteristik hat Blumlein nicht.
Das ist richtig. Da bin ich nicht sicher, wenn ich alleine den Stereosachverhalt betrachte. Da gibt es abwechselnd gleichgepolte (gleichphasige) und gegengepolte (gegenphasige) 90° Raumbereiche. Ich stelle mir bei Blumlein-Stereo (und nur dort) einen Torusring mit diesen Bereichen vor.