Hallo Rainer,
Solisten bekommen immer Stützmikrofone. In wie weit die Stütze dann eingemischt wird, habe ich damit in der Hand. Wenn man einen Solisten im Vergleich zum Hauptmikrofon mit einem Stützmikrofonpegel von weniger als minus 15 dB zugemischen würde, dann kann man diese Stütze auch vergessen. Auf der anderen Seite wird z.B. "Pavarotti" mit einem Pegelunterschied von mehr als 0 dB gegenüber dem Hauptmikrofon zugemischt. Üblicherweise, was immer das sein mag, wird eine Stütze z.B. bei den Holzbläsern mit einem Pegel zwischen - 6 dB und - 15 dB zugemischt. Wie man sieht, gilt das nicht für Solo-Stützen und auch nicht für pianissimo spielende Pauken, die immer stark gestützt werden müssen. Wenn ich nur einen Solisten links neben dem Dirigenten zu stehen habe, so bemühe ich mich, mit den Stützmikrofonen den Solisten in der Aufnahme aus klang-ästhetischen Gründen mehr in die Stereomitte (Center) zu bekommen. Denn in der CD-Aufnahme halte ich die ständige (!) halblinke Solistenposition für nicht gerechtfertigt. Etwas anderes ist das natürlich bei dramaturgischen Solistenpositionen z.B. bei einem Oratorium.
Das mit den verzögerten Stützen bei Stereoaufnahmen ist eine von den Aufnahme-Philosophien. Meine Philosophie weicht von der Schulaufnahmetechnik mit deutlichen Hauptmikrofonen, deutlich nahen Stützmikrofonen und im Diffusfeld aufgestellten wegzeigenden Nieren-Raummikrofonen ab. Denn schon bei Polymikrofonie, bei der das sogenannte Hauptmikrofon klanglich eher ein zugemischtes Raummikrofon darstellt, stimmen die Zuordnungworte nicht mehr. Da sind eben die Stützen zu Hauptmikrofonen geworden. Da ist nichts dagegen zu sagen - nur gegen eine falsche Wortwahl. Oft empfinde ich im Stereoklangbild die Tiefenstaffelung eines Orchesters zu groß und da ist es gut, wenn ich durch vorsichtiges Hinzumischen von unverzögerten (!) Stützen dieses mildern kann.
Während ich bei Stereo schon verstehe, dass die Tiefenstaffelung durch verzögerte Stützmikrofone erhalten werden kann, so sehe ich das bei der Mikrofonaufstellung für Surround-Sound nicht mehr. Vorausgesetzt wird, dass Surround-Sound nicht allein als bisherige Stereoaufnahme mit leichtem Räumlichkeitseindruck hinten angesehen wird, wie das die "3/2-Stereo"-Anhänger mit diesem Wort ja manifestieren. Interessant war für mich, ältere Mehrspuraufnahmen in Surround-Sound abzumischen, auch mit Einspielen von Signalen in einen Konzertsaal. Selbst Signale, die wie bei Pop üblich als Mono-Signale flach auf einer Linie zwischen den vorderen Lautsprechern gepannt sind (wie Hühner auf der Stange), kann ich allein durch die zu den Stereo L- und R-Lautsprechersignalen hinzukommenden Lautsprechersignale im Center und Surround links und Surround rechts seitlich hinten eine Bühnen-Tiefenstaffelung für die vorne Signale erzeugen, die es bei Stereo nicht gibt. Verzögerungen der Stützen der Frontsignale, wie bei Stereo üblich, ergeben ein unschönes Raumgefühl. Die Freunde der verzögerten Stützen haben dann das Problem ausreichend Umhüllungssignale in die Surroundlautsprecher zu mischen, weil der Klang dann "schwimmt". Aber diese Erfahrungen kann man nicht weiterleiten, diese Erfahrungen muss man selber vor Ort machen und dann sehen, wie man damit klarkommt. Da ich ja gleichzeitig Stereo und Surround-Aufnahmen machen muss, habe ich auch viel gelernt, was denn der Unterschied dabei ist. Bei Surround brauche ich etwas mehr Direktsignale (!) im "Hauptmikrofon" und/oder auch in den Stützen. Bei großen Orchestern habe ich das Gefühl, dass ich wegen Surround ein paar mehr Stützen benötige, als ich bei Stereo einsetzen würde.
Bei Surround-Sound muss man etwas für den "Seitenschall (!)" tun, also für die Raumpunkte, wo links und rechts neben den Ohren ja keine Lautsprecher stehen. Schrecklich empfinde ich die Surroundaufnahmen mit vorne quasi Stereo und links und rechts an den Seiten ein großes "Loch" und dann kommt hinten Raum und Nachhall (von den Nieren im Diffusfeld), der keine klangliche Verbindung zum Klanggeschehen vorne hat.
Bei jeder Aufnahme lerne ich weiter hinzu. Ich bin sehr weit davon entfernt ein abgeschlossenes Wissen zu haben. Vor kurzem konnte ich bei einer Aufnahme vergleichen, wie stark sich der Surroundklang verändert, wenn von den gleichen Philharmonikern Stücke von verschiedenen Komponisten gespielt werden. Es war Arnold Schönberg: Sacre du Printemps und ein symphonisches Stück von Hans Werner Henze, wobei nur ersteres Stück aufgenommen wurde.
So - das war schon fast eine Vorlesung.
Viele Grüße
ebs
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