Als Leiter eines Orchesters möchte ich demnächst ein Konzert (Bachs "Matthäus"-Passion) mitschneiden. Als Aufnahmeequipment stehen mir ein Mindprint-Vorverstärker, Tascam-CD-Recorder sowie zwei AKG-Mikrophone (C 391 B) zur Verfügung. Da ich aufnahmetechnisch Laie bin, bitte ich um eine Empfehlung, wie ich mit zwei Micros folgende Aufnahmesituation unter den gegebenen Voraussetzungen am besten meistern kann: Aufnahmeort ist eine mäßig hallige Kirche, die Solisten stehen vor dem Chor, d. h. also zw. Orchester und Chor, der wiederum bis zu 1o m vom Dirigenten und 2-3 m erhöht aufgestellt ist. Soll ich die beiden Micros hinter (in Höhe der 1. Geigen)oder vor dem Dirigenten positionieren oder eventuell in der Mitte des Orchesters, um den Chor nicht zu entfernt und verschwommen klingen zu lassen ? Sind für diese Aufnahmesituation Micros mit Kugelcharakteristik - inmitten des Orchesters positioniert - geeigneter ? Soll ich statt der Kleinkondensatormicros lieber großmembranige nehmen (z. B. Oktana MK 219) ? Carsten
Hi Carsten, aus deinem Posting lese ich heraus, dass du schon in etwa das Problem mit dem Stereo-Mikrophon zu erkennen scheinst. Es wird aber keinen Punkt geben, an dem ein Stereo-Hauptmikrophon alleine ein ausgeglichenens Klangbild ergeben wird. Immer wieder besteht die große Hoffnung, dass Solisten, Chor und Orchester doch allein mit zwei Mikrophonen in Stereo gut ausbalanciert aufgenommen werden müssten, denn wir haben doch auch nur zwei Ohren und zwei Stereolautsprecher. Eine "Dokumentation" wird man hier mit zwei Kleinmembranmikrophonen (!) in ORTF-Aufstellung etwa 1 m hinter und über dem Dirigenten schon bekommen. Aber ich selbst mag keinen Dokumentationsklang - die Ansprüche sind halt werschieden. Viele Grüße ebs Forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik http://www.sengpielaudio.com
Also, Wenn Du die Aufnahme verkaufen willst, beauftrage lieber einen fähigen Fachmann. Das sollte es Dir Deinen Hörern zu Liebe wert sein. Wenn es nur für den Hausgebrauch ist würde ich mir die Vorschläge von Eberhard zu Herzen nehmen, und auf jeden Fall die besten erhältlichen Mikrofone in Nierencharakteristik benutzen. Tonmaus
Lieber Carsten, die Aussagen meiner drei Vorposter kann ich nur nachdrücklich unterstützen. Darüberhinaus zählt Bachs Matthäus-Passion zu den aufnahmetechnisch recht kompliziert zu realisierenden Werken des klassischen Repertoires. Ein Blick in die Partitur zeigt, warum das so ist: Zwei kpl. Orchester, zwei Solistenquartette, zwei Tutti-Chöre; außerdem gibt es da im Eingangschor noch ein drittes, zumeist separiertes Choral-Ensemble für einen Cantus firmus (Choral O Lamm Gottes) bei. Zusätzliche Probleme drohen von den gelegentlich auftauchenden Instrumentalsolisten. Die heute allgemein übliche Aufführungspraxis, dies für Bachs Verhältnisse riesige Ensemble aus finanziellen Gründen "von Redundanzen zu befreien", macht die Sache angesichts der Anforderungen Bachs an einen 'lauffähigen' Satz nicht gerade einfacher. Mit zwei Mikros wirst du daher nicht weit kommen können, denn selbst bei kleiner Besetzung stehen z.B. die Chöre (2 mal SATB!) schon ordentlich weit vom Hauptmikro weg; was aber macht man mit den Gesangssolisten, die sind ja auch noch da, und der Evangelist singt zudem mehr oder minder dauernd, die B.c.-Orgeln bzw. -Orgel (die zweite O. ist eines der o.g. Sparobjekte) wollen auch noch hörbar gehalten werden, der Streicherchor legt grundsätzlich eine Aura über die Christus-Worte etc. pp. Du erkennst die drohenden Untiefen. Dokumentation kann -wie ebs sagt- o.k. sein, dann läuft es eben so, wie es läuft. Sollte es aber ums Verkaufen gehen, weist die Tonmaus den einzig gangbaren Weg. Sich mit diesem Opus (auch als Aufnehmer) zu befassen, ist jedoch mehr als nur lohnend. Wenn du Fragen hast, kannst du mir mailen. Der hohe Spezialisierungsgrad dieser Diskussion lässt mich nämlich daran zweifeln, ob es Sinn hat, sich hier in Forum zur Sache auszubreiten. Mit freundlichem Gruß Hans-Joachim
Hallo Carsten, wie schon die anderen Kollegen schreiben, wirst Du mit 2 Mikrofonen keine befriedigende Lösung hinbekommen. Gerade dieses Werk hat es aufnahmetechnisch "in sich". Ich habe die MP schon mehrmals aufgenommen und kenne die Probleme. Durch Doppelbesetzung muß man auch gewissermaßen eine "Doppelmikrofonierung" vornehmen. D.h.: jedes der beiden Chöre und Orchester wie getrennt betrachten, aber wiederum nicht so getrennt, daß das Klangbild zerfällt. Dann ist noch beim Eingangchor des Werks der "Soprano in ripieno" der ja meist noch von einem Kinderchor gesungen wird und dazu noch die 6 Solisten. Ich habe vor ein paar Jahren mal dieses Werk als CD-Produktion gemacht - live allerdings. Dabei habe ich die beiden Orchester - die nicht sehr groß waren - mit je einer Art Decca-Tree als Haupsystem aufgenommen und noch ein paar Stützen dazu. Die beiden Chöre mit je einem A/B-Paar und die Solisten mit 1 SM 69. Der Ripieno-Chor wurde von den Solisten übernommen. Also kurz gesagt: Mit nur 2 Mikrofonen eine Matthäus-Passion aufnehmen ist aussichtslos - es wird nur ein sehr undifferenziertes Klangbild ohne jeglichen musikalischen Ausdruck. Laß es lieber - wie schon anderweitig gesagt - von einem erfahrenen Kollegen machen, der auch über das notwendige Equipment verfügt. Gerade bei der Matthäus-Passion kommt es mir persönlich auf eine gute Tiefenstaffelung an damit der sakrale Charakter dieses Werks auch zum Ausdruck kommt. Die Einspielungen mit Helmuth Rilling die auf die Tiefenstaffelung verzichten, gefallen mir da nicht sonderlich gut.
Hallo, ich bin in einer ähnlichen Situation: Matthäuspassion in der Katharinenkirche (Frankfurt). Ebenfalls eine Kirche mir relativ wenig Hall. Soll eigentlich eine dokumentarische Aufnahme werden, es sollen so wenig Mikros wie möglich (eigentlich nur ein Stereopaar ;-) zu sehen sein. Als Stereopaar werde ich 2Kugeln ORTF gemäß Eberhards Empfehlung einsetzen. Wäre es möglich, zusätzlich mit Grenzfächen (es stehen 4 Halbkugeln zur Verfügung) als Stützmikros zu arbeiten - und wie die dann positionieren? Danke schon mal für die Antwort(en) :-) Gruß Günter
Hallo Günter, Wenn die Situation nur wenige Mikrofone erlaubt, dann solltest Du versuchen, die Grenzflächenmikrofone als Hauptsystem zu nehmen und die Ständermikrofone entweder für die Solisten oder vor den Chor. Im letzteren Fall müßten dann die Grenzflächen die Solisten noch "mitnehmen", was allerdings etwas probieren mit den GF's erfordert. Die Chormikrofone dann auf hohen Ständern (sagen wir mal so 3...4 m hoch, damit auch der ganze Chor erfaßt wird. Nochwas zur Katharinenkirche: Benutze gut abgeschirmte Mikrofonkabel! Dort in Frankfurt ist ein fürchterlicher HF-Störnebel von allen möglichen Sendern.
Hallo Günter Magicgynnii, du möchtest als "Stereopaar 2 Kugeln ORTF" gemäß Eberhards Empfehlung einsetzen. Es gibt aber nur das Hauptmikrofonsystem mit zwei parallel nach vorne zeigenden Mikrofonen mit Kugelcharakteristik (vielleicht 60 cm Mikrofonbasis)und das wird AB-Laufzeitstereofonie-Aufnahme genannt. Oder es gibt das Hauptmikrofonsystem mit zwei Nieren mit 17 cm Mikrofonbasis und einem Winkel von +/- 55° = 110° und das wird ORTF-Äquivalzstereofonie-Aufnahme genannt. Ein "Stereopaar mit 2 Kugeln ORTF" gibt es nicht und das habe ich sicher so nie empfohlen. Gehe doch mal zur URL über Hauptmikrofonsysteme im Link unten: http://www.sengpielaudio.com/Unterlagen04.htm Dort findest du unter Anderem: Laufzeitsstereofonie mit AB-Systemen Intensitätsstereofonie mit XY-Systemen Das Stereo-Mikrofonsystem ORTF
Hi Eberhard- Das war schlichtweg ein Denkfehler von mir - ich meinte Niere (ORTF) und schrieb Kugel (es kommen MXL 603S oder Oktava MC 012 mit der Nierenkapsel zum Einsatz). Danke dennoch für den Link. Bleibt die Frage, ob eine Mikrofonierung mit Grenzflächen als Stützmikros Sinn macht - und wenn dann wo. Wir werden bei der Probe am Tag vor der Aufführung Zeit haben, einige Möglichkeiten durchzutesten - aber nur sehr wenig Zeit. Deshalb wäre ich für einen Tipp von Dir sehr dankbar. Gruß Günter
Hi, danke für die Antwort. Ich nehme Regelmäßig in der Katharinenkirche auf - 2x in der Woche Martin Lücker an der Orgel - und hatte mit meinem Equipment bislang noch keine Probleme - in Frankfurt ansonsten schon genügend ;-) Nun zu der Aufnahme selbst: Problem bei der Matthäuspassion ist, dass es 2 Chöre und 2 Orchester sind - dazu kommen 6 Solisten. Es gibt schon jemand, der Aufnahmen für eine "andere Baustelle" macht - unsere soll zur Dokumentation dienen (die dann auch kostenlos weitergegeben werden darf) Dennoch möchte ich sie halt so gut als möglich hinbekommen. Aber unsere Mikros dürfen halt nich zu sehr auffallen ;-) Ich bin für jeden Tipp dankbar und werde auch etwas Zeit haben, verschiedene Sachen zu versuchen - aber nicht allzu viel Zeit ;-) Gruß Günter
Hi Günter Magicgynnii, Auf Anordnung des Regisseurs musste ich schon Einzel-Grenzflächen-Stützmikrofone bei Fersehshows benutzen. Da legt man einfach dem russischen Tenor so ein Mono-Grenzflächen-Mikrofon etwa 1,5 Meter vor die Füße - das kommt gut. Bei flüsternden Pop-Girls mit den dünnen Stimmchen wird das sicher nichts werden. Solo-Aufnahmen für Violoncello oder auch Konzertgitarre kommen mit zwei Grenzflächen-Mikrofonen auf dem Bühnenboden mit einer A/B-Basis von einem (!) Meter sehr gut. Ich habe festgestellt, dass man bei der Stereoanordnung von Grenzflächenmikrofonen die Mikrofonbasis etwa doppelt so groß machen muss, als man es sonst bei zwei normalen A/B-Mikrofonen getan hätte. Dafür habe ich keine Erklärung - will es aber unbedingt gesagt haben. Bei Konzert-Flügel oder bei Streichquartett haben mir Grenzflächenmikrofone am Boden nichts gebracht, weil es nicht präsent genug klang. Bei Pop-Aufnahmen machen sich mit doppelten Teppichklebeband in den Flügel-Deckel geklebte Grenzflächenmikrofone recht gut, selbst wenn der Flügeldeckel gechlossen werden muss. Bei der Flügelhorngruppe in Symphonieorchestern lege ich gern ein Grenzflächenmikrofon auf den Boden zwischen 1. und 2. Horn. Als Grenzflächenmikrofone benutze ich das GFM 132 von Neumann und das BLM 3 von Schoeps. Warum ich keine Grenzflächen-Mikrofone falscher Bauart vom Erfinder der PZM-Mikrofone, der Fa. Crown verwende, kann man im Link unten unter "Grenzflächenmikrofone" lesen. Viele Grüße ebs
Hallo, danke schon mal für die ausführliche Antwort :-) Meine Grenzflächenmikros: 2x AKG C 562BL und 2x Beyerdynamic ME? - ein Vorgänger des Opus 51 - aber ein von der Bauweise her wesentlich besserer (für Schoeps und Neumann ist mein Konto leider nicht groß genug). Ein Crown ist übrigens in der von Dir geschilderten Art und Weise in einer anderen Kirche für den Mitschnitt der Gottesdienste (Musik: Flügel und Schlagzeug unverstärkt aber für die Aufnahme abgenommen, der "Rest" über die Subs der PA auf ein zweites Mischpult, Sologesang über Direct Out (Pre Fade) und zwei Mikros für die Atmosphäre) im Flügel positioniert ;-) Ich werde bis zum Aufnahmetermin bei den Proben mal "Mikrofonmäuschen" spielen und experimentieren. Gruß Günter
Das Bild zeigt die "unkorrekte" Bauart eines Grenzflächenmikrofons, was der korrekten Bauart mit unnötigem Hindernis vor der Membran entspricht. Wer kein Grenzflächenmikrofon hat, kann sich testweise einfach ein Ur-Grenzflächenmikrofon bauen, indem er ein normales Kleinmembranmikrofon mit Kugelcharakteristik mit einem Stativ nach unten auf den Boden zeigen lässt und zwischen Mikrofon und Boden 1 mm Luft lässt. Damit erhält man den an Grenzflächen vorhandenen Schalldruckanstieg von 6 dB. Zwar ist der Mikrofonkörper dem Schall im Wege, aber für Raumsignale oder für Zumischstützen wird das nicht unbedingt gleich hörmäßig auffallen. Viele Grüße ebs