Mehr oder weniger Ermüdung?

Erstellt 4 Antworten5 Beiträge
Startbeitrag#1
Hallo,
ich hatte kürzlich Gelegenheit, eine Weile im Studio eines Bekannten zu mischen. Wieder zurück in den eigenen heiligen Hallen fällt mir nun auf, dass ich versucht bin, zuhause beim Mischen deutlich lauter abzuhören als "auswärts". Ich finde es bei mir sehr schwer, die Tiefe der Mischung bei geringeren Lautstärken zu beurteilen. Folge: Ich ermüde schneller, weil ich vergleichsweise lange laut abhöre.
Der Verdacht liegt nahe, dass dies an den unterschiedlichen Lautsprechern und oder dem Raum liegen könnte. Ich verfüge über Adam P11 A Nearfields und einen fast quadratischen Raum mit vielen streuenden Oberflächen. Mein Bekannter hat Nearfields der selben Klasse (Fabrikat unbekannt) und einen Raum, der IMHO eher ungünstig viele und deutlich zu hörende Reflektionen aufweist (kahle Wände, gefliester Boden, aber schräge Decke).
Ich glaube, dass bei Nahfeld-Monitoren (Hörabstand 1-1,5 m) der Raum keinen großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Tiefe des abgespielten Programms haben dürfte, und wenn, dann müssten stark reflektierende Räume die Tiefenwahrnehmung eher verzerren.
Seht ihr Möglichkeiten, durch Veränderung der Lautsprecher, des Raumes oder anderer Maßnahmen der schnelleren Ermüdung durch höhere Lautstärken entgegen zu wirken?
Gruß und Dank
Yoda
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Antwort#2
Hallo Yoda,
über die "Ermüdung der Ohren" wird in Europa recht wenig gesprochen, wohl aber viel mehr in den USA. Dort sind Aufnahmen von Telarc kritisiert worden, die mit Kugel-Hauptmikrofonen in größerem Abstand und mit wenig Kugel-(!)-Stützmikrofonen aufgenommen wurden (Klassische Musik). Diese Aufnahmen haben wenig nahen Direktanteil von Stützmikrofonen. Die Kritiker merkten an, dass sie bei Hören sich sehr anstrengen mussten, um z.B die Harfe und die im Hintergrund spielende Konzerttrommel zu hören, auch der Anschlag der Pauken war nicht da. Dieses sei hiermit ins Stammbuch der audiophilen Onepoint-Recording-Liebhaber geschrieben, denn das ist nicht die Aufnahmelösung.
Bei einer Tonaufnahme muss man schon den Ohren helfen, weil wir im Gegensatz zum natürlichen Hören hier nichts "sehen". Ja die Augen "hören" mit!
Ohrermüdung ist auch eine vorrübergehende Hörschwellenverschiebung nach längerer akkustischer Belastung. Hohe Pegel werden dann leiser empfunden. Die Empfindlichkeit für die Änderung der Lautstärke und Tonhöhe wird geringer. Beispiel: Das Autoradiogerät kann nach einer längeren Fahrt, am nächsten morgen mit ausgeruhten Ohren, in derselben eingestellten Lautstärke wie am letzten Tag, auf eimal zu laut sein.
Yoda merkte an, das er die Tiefe der Mischung bei geringeren Lautstärken nicht mehr zu beurteilen vermag.
Aus den USA: 'Ear Fatigue' - the literal translation is 'tired ears'.
Mit diesen beiden Worten kann man bei Google suchen:
Ear Fatigue is not really a clinically recognized state, but audio professionals have been referring to it for years. It's caused by a combination of TTS (Temporary Threshold Shift) and general fatigue. The condition we call ear fatigue usually occurs after many hours of listening to or working with audio, especially when working at relatively high SPL's. It causes us to not hear the sound in the same way we do when we are fresh. Sometimes people report soreness of the ears associated with this, but not always. There are ongoing studies of this phenomenon, and the phenomenon of fatigue and how it affects performance in general, but much remains unknown. Suffice to say that making critical audio decisions while in a fatigued state is not advised and generally results in doing the work over again.
Natürlich machen sich die Lautsprecherhersteller dieses Thema zu Nutze, wenn sie in ihrer Werbung verlockend schreiben, dass allein ihre Lautsprecher nicht "hörermüdend" sind. Das Thema ist darum so schwierig, weil es zur Psychoakustik gehört und es gibt eben keine ablesbare Mess-Skala für die Hör-Ermüdung. Nahfeldmonitore und auch Kopfhörer können je nach Abhörlautstärke schon hörermüdender sein. Aber es kommt sicher auch auf die Hörmischung an.
Es ist kaum möglich, Ratschläge zu geben, wie durch Veränderung der Lautsprecher, des Raumes oder anderer Maßnahmen der schnelleren Ermüdung durch höhere Lautstärken entgegen zu wirken ist? Um bei Autofahren nicht einzuschlafen werden bestimmte Aufputsch-Pillen, Coca-Cola oder Kaffee empfohlen - auch wenn immer davor gewarnt wird, dieses zu tun.
Gruß
Maya
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Antwort#3
Hallo Maya,
das ist ja interessant. Vielen Dank für deine Ausführungen!
Du schreibst von der vorübergehenden Hörschwellenverschiebung (TTS) durch hohe Pegel. Hierzu folgende Überlegung, die auf der Abmisch-Situation beruht, in der ich künstliche Räume für Instumente erzeuge, die selbst schon mehr oder weniger Raumanteil haben, und die ich daher auf Stimmigkeit beurteilen muss:
Würde ich die Tiefen-Dimension der Mischung im Vergleich zur tonalen Balance und der Stereo-Breite deutlicher hören, so müsste ich in diesen Situationen nicht so laut abhören. Wäre dies durch Modifikationen am Raum, der Lautsprecheraufstellung, der Abhöre , der eingestellten Parameter usf. zu erreichen, so wäre ich glücklich... :-)
Habt Ihr das Problem nicht?! Weshalb?
Danke!
Yoda
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Antwort#4
Hi,
das Thema ist schwierig. Ich stimme Dir zunächst zu, daß Reflektionen eine korrekte Beurteilung der Abbildungsqualität beeinträchtigen. Es besteht in SSF-01 die Forderung nach einer Unterdrückung von Reflektionen bis 15ms nach Direktschall um mindestens 10dB (besser wären 15dB) und die Bedeutung dieser Forderung wird meines Erachtens oft unterschätzt.
Wenn Du einen Hörabstand von 1,5m hast, dann dürfte - abhängig vom Bündelungsmaß des LS und der NHZ des Hörraumes - der Diffusschall am Hörplatz immer noch knapp überwiegen. Der Hallradius wird oft überschätzt.
Ich bin im Laufe der Zeit zum Schluß gekommen, daß meist ein mangelhafter Diffusfeld-Frequenzgang des Lautsprechers verantwortlich für Lokalisationsfehler ist. Bei Zweiwege-Lautsprechern kommt es z.B. oft vor, daß der Frequenzbereich zwischen 2kHz und 3kHz im Diffusfeldfrequenzgang unterrepräsentiert ist, was dazu führt, daß vieles "zu nah" wirkt und daher falsch beurteilt wird.
Die technische Ursache ist eine zunehmende Richtwirkung des gegen die Wellenlänge groß werdenden Tieftöners bis zum Frequenzübergang auf einen gegen die Wellenlänge kleinen Hochtöner, der keine Richtwirkung aufweist.
Besorge Dir zuerst den Diffusfeld-Frequenzgang Deines Lautsprechers. Sollte hier die von mir beschriebene Schwäche vorliegen, hilft nur der Tausch des Lautsprechers. Meiner Erfahrung nach sind Dreiwegesysteme mit einem frequenzneutral eher niederen Bündelungsmaß von ca. 5dB im Nahfeldbereich am günstigsten. Durch den dritten Weg (kleiner Mitteltöner) wird die bei Zweiwegesystemen meist unvermeidliche Senke im Diffusfeld-Frequenzgang vermieden.
Es gibt auch Zweiwegesysteme, wo die Richtcharakteristik des Hochtöners durch verschiedene konstruktive Maßnahmen an die des Tieftöners angepaßt ist. Für wirkliche Nahfeldanwendungen resultiert in meinen Ohren daraus allerdings ein insgesamt zu hohes Bündelungsmaß im Mittel/Hochtonbereich. Diese Lautsprecher sind zudem tendenziell zu dunkel in der Klangfarbe.
Gruß
AH
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Antwort#5
Hallo,
mal ein Schuss ins Dunkel (bitte um Entschudligung, wenn Du solche Selbstverständlichkeiten schon selbst bedacht hast): Wie weit stehen die Speaker auseinander? Sind sie axial auf Deine Ohren gerichtet?
Ich würde bei den geschilderten Raumvoraussetzungen in dieser Beziehung gründlich experimentieren, bis sich die "stimmigste Tiefe" einstellt.
bye
Thomas
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