Einige Fragen zum Decca Tree.

Erstellt 4 Antworten5 Beiträge
Startbeitrag#1
Hallo,
ich habe einige Fragen zum Decca Tree:
Das "ursprüngliche" Decca Tree wurde doch mit den Neumann M50 Großmembran
Kugeln realisiert, wobei die besonderer Richtwirkung dieser Kugeln ausgenutzt wurde
um auch kleinere Abstände zwischen den Mikrofonen nutzen zu können.
Wenn man nun "normale" Klenmembran Kugeln nutzt hat man diese spezielle Richtwirkung ja nicht
und muß unter Umständen "größere" Abstände nehmen.
Soweit richtig?
Die Frage wäre, ob man dann nicht lieber "Breite Nieren" nehmen sollte,wenn man keine Neumann M50 zur Verfügung hat (bzw. sich nicht leisten kann..:-)), denn dadurch hat man doch
eine kleinere Empfindlichkeit gegen Übersprechungen und somit weniger Probleme mit doppelten Phantomschalquellen. Außerdem könnte man auch näher an den Klangkörper um das Decca Tree typische Verhältniss von Direktschall und Raumklang zu erziehlen. Ist das eine blöde Theorie meinerseits, oder in der Praxis relevant?
Was ist in diesem Fall von einem Straus ähnlichen System aus einer Kugel und einer Niere zu halten, wobei die beiden Mikrofone dann auf unterschiedliche Kanalzüge verkabelt würden?
Ist die oft gesehene Anordnung von 5 Mikrofonen VOR dem Orchester in ähnlicher Höhe (3-4 Meter) eine Variation des Decca Trees mit 2 Outtrigger Mikrofonen? Und werden dort die Decca Tree L bzw R nur halb links bzw halb rechts gepaned und die Outtriger voll links/rechts?
Werden dort hauptsächlich Kugeln oder Aufgrund des größeren Abstandes zum Orchester eher Nieren verwendet um nicht zu viel Raumklang "aufzufangen"?
Viele Fragen, aber vielleicht nimmt sich ja jemand dieser Fragen an. Würde mich freuen.
Gruß
Hendrik
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Antwort#2
Hallo Hendrik,
Das "ursprüngliche" Decca Tree wurde doch mit den Neumann-M50-
Großmembran-Kugeln realisiert, wobei die besondere Richtwirkung dieser Kugeln
ausgenutzt wurde, um auch kleinere Abstände zwischen den Mikrofonen nutzen zu können.
Wenn man nun "normale" Kleinmembran-Kugeln nutzt, hat man diese spezielle
Richtwirkung ja nicht und muss unter Umständen "größere" Abstände nehmen.
Am Anfang der Decca-Versuche gab es auch KM 54 und M49 Nieren, sogar mit Trennwänden dazwischen (Die doppelte Jecklin-Scheibe lässt entfernt grüßen). Dass man die M50 nahm, hat eher mit dem natürlich erscheinenden Klang in diesem Abstand zu tun. Deine Gedanken, "um kleinere Abstände zwischen den Mikrofonen nutzen können" sind nicht richtig.
Schau dir mal die üblichen variablen Abstände des Decca Trees an. Auch diese Maße dürfen überschritten werden, denn es gibt keine Audio-Aufsichtsbehörde mit einem 17,5 cm-Zollstock :-).
http://www.sengpielaudio.com/DeccaTreeRecordingM50.pdf
Etliche Anbieter dieser "Trees" möchten aus praktischen und handlichen Gründen gerne recht kleine Abstände als "Decca-Tree" anbieten. Das ist leider vom Prinzip her falsch und hat klangliche Nachteile. Wir können doch die physikalischen Gesetze nicht verändern: Die Wellenlänge und die Schallgeschwindigkeit lassen sich nicht verkleinern.
Das kleine Dreieck von Brauner SPL Atmos 5.1 (ASM 5) wurde dreist mit falschem Bezug als sogennter Decca-Tree vermarktet. Das verkauft sich besser an Unwissende, ist aber niemals funktionell ein "Decca-Tree". Siehe:
http://www.sengpielaudio.com/Surround-Hauptmikrofone.pdf
Decca-Trees sind doch vom Techniker variabel aufstellbar und auch M50 Kugeln müssen nicht unbedingt sein.
Es gehört zur Flexibilität eines Tonmenschen, dass er bei ungünstiger Akustik selbstverständlich die üblichen Kugeln des Decca-Trees in Breite Nieren austauscht. Das ist doch nichts Neues. Das wird einfach so gemacht - ohne zu gackern :-) - denn das gehört doch zu unserem typischen Repertoire.
Ich bekomme Mails, in denen man nach den amtlichen Maßen des Decca-Dreiecks fragt, so wie man ja die lächerlichen falschen 17,5 cm bei ORTF-System anhimmeln kann. Hier ist wieder das beamtenhafte "Festnageln", das einfach nicht zur Tontechnik passt. Immer locker und flexibel bleiben - und niemals dogmatisch werden.
Stimmt, das könnte eventuell ein wenig so sein.
Wenn man zu nah mit dem Mikrofonsystem an den Klangkörper herangeht, dann wird das System irgend wann nicht mehr gut funktionieren, weil die Schall in drei Richtungen auseinanderfällt. Wenn man keine Breiten Nieren hat, so kann man zur Not (!) auch mal das Straus-Paket probieren. Siehe:
Erfahrungen mit dem Straus-Paket:
http://www.sengpielaudio.com/ErfahrungenMitDemStrausPaket.pdf
Bei größeren Orchestern werden immer die beiden Outrigger dem System hinzugefügt.
Wie man diese fünf Mikrofone richtig einpannt hängt sicher von vielen Umständen ab. Wer das Centermikrofon im Pegel mehr als 3 dB runterziehen muss, hat etwas falsch gemacht. Dann stehen die Mikofone vielleicht zu eng beieinander.
Überwiegend hat die Decca die Outrigger, genau wie die äußeren Dreiecksmikrofone voll nach L und R gepannt. Man kann aber auch die 5 Mikrofone als Mikrofonwand verstehen und folgendermaßen einpannen. Siehe:
http://www.sengpielaudio.com/VerteilenVonFuenfPhantomschallquellen.pdf
Man kann sogar das Dreieck auf L-C-R stellen und die Outrigger nach 3/4 bis 1/2 L und 3/4 bis 1/2 R nach innen einengen, um vielleicht eine eventuelle Lücke zwischen C-L und C-R zu füllen. Alles ist möglich und führt zu bestimmten klanglichen Erscheinungen. Dann ist da noch die Frage mit welchem Pegel mischt man die Outrigger hinzu?
Das häufig gewünschte Mikrofon-Aufstellungskonzept nach der Art eines Backrezepts "Wie backe ich einen Marmorkuchen", wird es von mir niemals geben.
Das machen hier in diesem Forum gern schon andere. Wer's mag. Ist schon OK.
Als erste Wahl nehme ich für die Outrigger erst einmal M50-Kugeln auf Stativen bei Produktionen. Bei Lifeveranstaltungen kann ich diese "Klopper" einfach nicht hängen. Da sind es denn eben KM 130 oder MK 2s.
Was man auch noch machen kann, ist an die vielen Möglichkeiten des Ausrichtens der Kugeln zu denken. Da gibt es viel zum Nachdenken. Nicht wie mir mal jemand sagte: "Das sind doch Kugeln!"
Ob jemand meint, als Outrigger eben Nieren nehmen zu müssen, kommt auf den Fall an, der bei mir höchst selten eintritt.
Was ich auch oft sehe, dass das Decca-Dreieck zu weit vor dem Orchester steht. Es steht aber eher schon im Orchester, wobei das Center sich vor dem Dirigenten befindet. Auch dazu eine Anmerkung: Stelle niemals dem Dirigenten ein Stativ direkt vor die Nase. Diesen Fall muss man eben anders lösen.
Wer meint, das vorwitzige vorne stehende Centermikrofon verzögern zu müssen, damit es nicht zu früh kommt, der spinnt. (Dieses bezieht sich auf eine Mail, die ich heute erhalten habe.)
Viele Grüße
ebs
Forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik
http://www.sengpielaudio.com
P.S.: Wer nicht weiß, was "Outrigger" sind, der kann mal hineinschauen in:
http://www.sengpielaudio.com/DeccaTreeRecordingM50.pdf



http://www.sengpielaudio.com
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Antwort#3
Hallo Eberhard,
herzlichen Dank für deine Ausführungen.
Ich wollte auch keine Patentrezepte hören.
Es ging mir darum meine Gedanken und Ideen die leider nicht auf so viel Erfahrung beruhen
wie Deine bestätigt bzw dementiert zu wissen.
Das dies alles variabel ist und den Gegebenheiten und Klangvorstellungen angepasst werden muss ist natürlich selbstverständlich.
Du hast mir wirklich geholfen. Deine PDF Links, hatte ich schon im Vorfeld studiert.
Dadurch waren meine Fragen ja entstanden...:-)
Danke und Gruß
Hendrik
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Antwort#4
Hallo Hendrik,
dass du selbstverständlich keine Patentrezepte hören wolltest, ehrt dich.
Das steht im Gegensatz zu den üblichen Anfragen im Internet, derer ich mich ständig zu erwehren habe.
Im Link unten findest du Hinweise zum Decca Tree (Decca-Dreieck)
http://de.wikipedia.org/wiki/Decca_Tree_(Decca-Dreieck)
Viele Grüße
ebs
forum für Mikrofonaufnahme und Tonstudiotechnik
http://www.sengpielaudio.com
Bei Wikipedia, die freie Enzykolopädie, sieht es zur Zeit auf dem Gebiet der Tontechnik noch recht leer aus. Siehe:
http://de.wikipedia.org



Zur Geschichte des Decca Tree
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Antwort#5
Hallo Eberhard,
danke für den Link. Den kannte ich noch nicht.
Sehr insteressant!
Zu den Patentrezepten. Ich will die Dinge
verstehen und nicht jemanden nachäffen.
Das bringt mir nichts. Denn was ist schon immer
gleich?...
Gruß
Hendrik
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