Hallo,
Da muss ich jetzt mal meinen "Entwickler-Hut" aufziehen...
Germanium vs. Silizium, Bipolar vs. FET, Transistor vs. Röhre... das sind -- für sich allein, isoliert betrachtet -- recht nutzlose Vergleiche. Was man tun kann, ist z.B. die Kennlinienfelder vergleichen und damit abschätzen, welches Verhalten in einer ganz bestimmten Schaltung positiver oder negativer zu werten ist. Pauschale Aussagen wie "Röhren klingen wärmer" oder "Germanium klingt besser" sind nicht wirklich sinnvoll. Ich finde jetzt den leicht polemischen Unterton in der Diskussion entsprechend unangebracht (beim Lästern über Esoterik-HiFi bin ich aber sofort mit dabei ;-))
Bei diesem Vergleich der Kennlinien kommt zum Beipiel raus, dass bestimmte alte Trioden aus den 30er Jahren einfach bis heute die linearsten und gutmütigsten einzelnen Verstärkerelemente sind, die je gebaut wurden. Ideal für einfache (=gute) Spannungs- und Leistungsverstärkerstufen (in der Power-HF-Technik deswegen immer noch aktueller Standard). In einer typischen solchen Schaltung klingen, als Daumenregel, Trioden besser als Pentoden, Röhren besser als Transistoren, FETs besser als bipolare Transistoren, und Germanium-Typen "runder" als Silizium-Typen bei den bipolaren (auch bei Dioden: kann dem Verzerrer-Beispiel mit Ge-Dioden von Mic 100% zustimmen).
Ein Mosfet z.B. kann als simpler Spannungsverstärker z.B. überhaupt nicht überzeugen, dafür jedoch z.B. als Konstantstromquelle. Bipolare Transistoren können auf anderen Gebieten als diesen einfachen Verstärkertypen besser überzeugen, z.B. als Stromverstärker, Längs- und Shunt-Spannungsregler etc. Heutige Op-Amps können mittlerweile auch als nahezu perfekte "Einzelbauteile" betrachtet werden (bei genug und stabiler Gegenkopplung), deshalb sind sie entsprechend verbreitet, erfordern aber ebenso extrem perfektes Umfeld, sonst ist ihre Qualität schnell für die Katz oder es sind sogar ganz üble Dreckeffekte "für Umme zu haben".
Als Entwickler strebt man im allgemeinen möglichst einfache Schaltungen an, das bedeutet in der Praxis, wenn möglich die "besten" Bauelemente (auch passive) zu nehmen, damit man wenig korrigierende/kompensierende Massnahmen ergreifen muss. Für konstruktiv einfache Verstärker (Spannungs~ wie Leistungs~) ist ein erfolgreicher Weg: Trioden + Übertrager. Zur Technik der Gegenkopplung gibt es einen schönen Spruch: Wende sie nur dann an, wenn du auch darauf verzichten kannst. Dem kann ich nur zustimmen.
Je nach Schaltung(s-Aufwand) kann man mit allen möglichen Verstärkerbauelementen "gute" Ergebnisse erzielen, wobei "gut" reine Definitionsfrage ist. In der für sie optimalen Schaltung können Germanium-Transen durchaus hervorragend klingen, hatte lange Jahre eine simple Endstufe mit kompletter Germaniumbestückung laufen (der erste Eigenbau) die auch 1995 noch besser klang als etliche teure HiFi-Amps von der Stange mit MosFet oder Si-bipolar-Output.
Hier nochmal Links auf die Seite von L.Olsen, die diesen Aspekt der "möglichst einfachen Schaltung" sehr deutlich machen, am Beispiel Röhrenverstärker:
http://nutshellhifi.com/triode4.html, "Amplifier Design Philosophy"
http://nutshellhifi.com/triode1.html, "The Amity, Raven, and Aurora"
http://nutshellhifi.com/triode2.html, "The Karna Amplifier"
Wenn MVV, Pulte, Outboard etc. nach dieser modernisierten Philosophie (wieder) gebaut würden, hätten wir hier sicher eine angeregte Diskussion, m.E. kommt es doch auch auf etwas mehr an als bloss auf zwei Zahlen, Rauschen und Klirrfaktor....
Grüsse, Klaus S
Amplifier Design Philosophy