Vorteile bzw. Eigenarten des Blumlein Mikrofonsystems

Erstellt 13 Antworten14 Beiträge
Startbeitrag#1
Kann mir jemand erläutern, inwiefern sich das Blumlein System vom Klangeindruck von anderen Intensitätssystemen unterscheidet? Ergibt sich vielleicht ein besserer Eindruck räumlicher Tiefe weil durch die Rückwertigen Keulen ein Teil des Diffusschalfeldes gegenphasig auf die Stereokanäle geschickt wird? Wo wäre das einem MS oder XY vorzuziehen? Ich stelle die Frage nur, weil ich keine Achten habe und es somit nicht selber testen kann und bitte um Verständnis dafür. Danke.
P.S. Was passiert, wenn sich das System inmitten des Klangkörpers befinden würde?
Erdie
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Antwort#2
Hallo Erdie,

ich habe das Blumlein-System bisher nur bei Orgelaufnahmen angewandt. Realisiert habe ich es mit dem Neumann SM 69fet oder mit dem QM 69. Bei letzterem muß man die "8" künstlich am Mischpult durch gegenphasige Addition der gegenüberliegenden Nieren erzeugen, da das QM 69 nur 4 Nieren hat undund - im Gegensatz zum SM 69 - nicht umschaltbar ist. Problematisch beim Blumlein-System ist, wenn sich die Schallquellen außerhalb des 90°-Winkels befinden, weil dann gegenphasige Signalanteile in beiden Kanälen auftreten, das führt dann zu instabilen Lokalisationen und Mehrdeutigkeiten. Deshalb sollte man es m.E. auch nicht inmitten eines Klangkörpers stellen sondern außerhalb und zwar so, daß der Aufnahmewinkel mit dem Achsenwinkel übereinstimmt. Räumliche Tiefe kann ich nicht unbedingt sagen, denn das läßt sich am besten nur mit Druckempfängern erreichen. Man sollte auch bedenken, daß bei der Achtcharakteristik immer der physikalisch bedingte Baßabfall vorhanden ist, den man ggf. mit Entzerrern kompensieren muß.
I.a. ziehe ich ein MS aus Druckempfänger und Acht dem Blumlein vor (Blumlein ist übrigens ein XY-Verfahren).

MfG
Rainer
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Antwort#3
Die MS-Alternative zum Blumlein, bzw. sein MS-Äquivalent wäre dann, daß man die gekreuzten Achten um 45° dreht, sodaß dann die M-Acht mit der Plus-Seite zur Schallquellenmitte hin zeigt, und die S-Acht wie üblich quer dazu liegt. Dann wird mit dem üblichen Matrizieren der L- und R-Anteil gewonnen. Man hat so den Vorteil, daß man den S-Anteil verringen und damit die Abbildungsbreite verkleinern kann, wenn das Klangbild zu sehr phasig zu werden droht.

RG
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Antwort#4
Danke Rainer,
ich habe des öfteren Aufnahmen gehört, die einen spürbaren Anteil von "Phasigkeit" enthalten, was ich dabei aber eher als positiv empfunden habe. Das geht soweit, daß man den Eindruck hat, es befänden sich Schallquellen ausserhalb der Stereobasis. Und ich frage mich, ob da sowas wie ein Blumlein im Spiel gewesen sein könnte. Insbesondere fällt mit dazu eine Jazz Aufnahme von David Cezkey (Tontechniker, nicht Interpret) ein, die ich noch in Erinnerung habe.
Grüße
Erdie
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Antwort#5
Meinst du David Chesky von chesky-records, oder bin ich auf dem falschen Dampfer??
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Antwort#6
Hallo Rainer!
Blumlein könnte ich mir gut als Hauptmikrofon bei Kammermusik vorstellen, wo sich bei der Aufnahme z.B. Flügel und Streicher oder Sänger gegenüber sitzen, das Mikrofon dazwischen in der Mitte des Ensembles steht und wo man es mit der Basisbreite von vorneherein nicht zu übertreiben braucht. (In Ermangelung von zwei Achten aber noch nie probiert.)
Räumliche Tiefe wird man - entgegen Deiner (mißverständlichen) Anmerkung - nicht nur mit Druckempfängern ("Kugeln"), sondern vor allem mit Laufzeitstereofonie erhalten.
Einen Nachteil von Blumlein sehe ich bei schlechten Räumen darin, daß die akustische Qualität des Raumes mehr in die Aufnahme als bei anderen Koizidenzverfahren (XY mit Nieren bzw. MS mit Niere/Acht) eingeht.
Inzwischen gehen mir einige Aufnahmen, in denen der Raumakustik eine zu tragende Bedeutung eingeräumt wurde, auf den "Senkel" ...
Juppy
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Antwort#7
Den fast religiösen Kult der Koinzidenzmikrofon-Befürworter (und Laufzeit-Hasser) hat Stanley P. Lipshitz 1986 mit dem berühmten Artikel eröffnet:
Stanley P. Lipshitz, "Stereo Recording Techniques: Are the Purists Wrong?", Journal of the Audio Engineering Society, 34(9): pp 716-744, 1986 and AES Preprint Number: 2261
http://www.aes.org/e-lib/browse.cfm?elib=11494
Er schreibt: Ich glaube, dass die Laufzeit-Aufnahmetechnik einen grundlegenden Fehler hat, obgleich sie in einigen Kreisen hoch bewertet wird, und dass nur Koinzidenzmikrofon-Aufnahmen die korrekte Art sind, wie man vorzugehen hat. Die ' Luftigkeit ', ' die Räumlichkeit' und ' die Tiefenstaffelung ', die so hoch bei den Laufzeit-Mikrophonaufnahmen geschätzt sind, werden überwiegend als Artefakte der Phasigkeit wegen der Mikrophonbasis erklärt, und dieses stellt überhaupt keine akustische Räumlichkeit dar.
Original: I believe that spaced-microphone recording techniques are fundamentally flawed although highly-regarded in some quarters, and that coincident-microphone recordings are the correct way to go. The 'air' and 'ambience' and 'depth' so valued in spaced-microphone recordings are shown to be largely the artifacts of phasiness due to the microphone spacing and not acoustic ambience at all.
Stanley P. Lipshitz ist Professor der University of Waterloo in Ontario, Canada.
Interessant ist, was so ein Professor im Jahr verdient. Das wird wirklich offiziell im Internet veröffentlicht (Posted 31 March 2005).
http://www.uwaterloo.ca/documents/sal2004.html



Offizielles Professorengehalt
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Antwort#8
Hallo,
Ist dieser "Streit" XY vs. AB nicht obsolet, wenn man bedenkt, dass es bei Stereo- oder Surroundwiedergabe nicht darum geht, eine physikalisch korrekte Messung zu machen? Entscheidend ist doch, was beim Konsument am Ohr zuhause ankommt und von diesem als angenehm, räumlich etc. empfunden wird, d.h. es geht um eine möglichst "schöne" Illusion.
OK, bei echter Wellenfeldsynthese, deren Vervollkommnung und Masseneinsatz am Enduser ich noch erleben möchte, sieht das wohl schon anders aus...
In allen drei Achsen bis in kürzeste Wellenlängen tatsächliche koinzidente Mikrofonsysteme gibt es ja eh nicht, könnte man da auch argumentieren (wobei KM-Achten noch am besten wegkommen, natürlich. Bei GM-XY mit Nieren z.B. hängt der Raum aber immer "schief").
Rein technisch betrachtet sind AB und XY ja gewissermassen "entartete" Fälle von Äquivalenzmethoden und ob ihrer Entartung vermutlich nicht das Optimum (im Sinne des besten Kompromisses).
Bei einem Hauptmikrofon von/in einem Klangkörper (zu dem man auch den Diffusschall zählen kann, bei Bedarf) scheint es doch darum zu gehen, wo die Orte gleicher Hörereignisrichtungen, resp. die Orte gleicher Empfindlichkeiten (bzgl. Leistungsumme) liegen. Die zwei Kurvenscharen gleicher Orte wiederum sind bei Blumlein (oder 8er-XY) in beiden Fällen besonders verzerrungsfrei, d.h. Geraden durch den Ursprung, resp. konzentrische Kreise, d.h. gewissermassen eine winkel- und entfernungstreue Abbildung. Das würde speziell den "natürlichen" Raumklang dieser Technik einigermassen erklären können, denke ich.
Grüsse, Klaus S (der seit Monaten die sehr wervollen umfangreichen Unterlagen von E.Sengpiel studiert, auch wenn sie etwas unübersichtlich verteilt sind, leider)


http://sengpielaudio.com
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Antwort#9
Ist dieser "Streit" XY vs. AB nicht obsolet?
Besonders diese Gruppe:
http://www.ambisonic.net/sursound.html
ist recht agil mit militanter Verteitigung von "laufzeit-losen" Aufnahmen, also dem Scannen des "wahren" Schallfelds.
Sie sind auf jeder AES-Tagung und auf der Tonmeistertagung zu finden.
http://www.ambisonic.net/gformat.html
Hier ist die hardliner "Real Stereo" Sekte, die nur Alan D. Blumlein huldigt:
http://www.tnt-audio.com/topics/realstereo_e.html
Der Glaube versetzt Berge und ersetzt wohl auch die Ohren. :-)
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Antwort#10
Muß eine Musikaufnahme denn physikalisch exakt sein? Das ist sie sowieso niemals, da sie im Wohnzimmer aus Lautsprechern kommt. Es geht doch darum, dem Verbraucher eine Illusion zu vermitteln. Und was für eine Illusion vermittelt werden soll, das hängt doch auch sehr von der Musik ab.
Den Vorteil einer relativ winkel- und entfernungstreuen Abbildung erkaufen wir uns doch mit anderen Nachteilen, nämlich der unsauberen Abbildung seitlicher Schallquellen (oder Reflexionen). Die exakten Raumverhältnisse kann ein Mikrofonsystem niemals übertragen, egal ob koinzident, äquivalent oder rein laufzeitbasiert. Hohe Raumtiefe (AB) wird mit mäßig gleichmäßiger Lokalisation erkauft, gute Lokalisation (XY) mit mäßiger Raumtiefe. Es kommt doch vielmehr darauf an, was uns wichtiger ist. Und da gibt es eben Situationen wie große Orchester, wo man nicht unbedingt jede Geige genau lokalisieren muß, aber dafür hören will, daß die Holzbläser hinter den Geigen sitzen. Und es gibt Kammermusik, wo viele Leute lieber die vier nebeneinander sitzenden Instrumente so nebeneinander aus ihren Lautsprechern kommen haben wollen.
Aber das ist doch nichts Neues. Radikale Ansichten waren noch nie gut, und haben noch nie zum bestmöglichen Ergebnis geführt.
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Antwort#11
""Besonders diese Gruppe:
http://www.ambisonic.net/sursound.html
ist recht agil mit militanter Verteitigung von "laufzeit-losen" Aufnahmen, also dem Scannen des "wahren" Schallfelds.""
Dabei geht es um die konkrete Aufnahme des Schallfeldes an einem speziellen Punkt im Raum in allen 3 Achsen, die natürlich koinzident sein muss. Ist ja auch eine praktische Sache (haben wir im Strang "Erdies Hoerprobe" besprochen), denn man kann damit (3x 8er je 90° + eine Kugel, bzw ein Soundfield-Mikro) jede Charakteristik und Hauptachse einstellen, sogar frequenzselektiv. Oder daraus zwei Signale für alle denkbaren XY/MS Techniken für normale Stereowiedergabe rückgewinnen, oder auch eben Signale für mehrkanalige Array-Systeme a la Ambisonics. Ebenso kann man zwei solcher Systeme mit örtlichem Abstand verwenden, und alle für den speziellen Abstand sinnvollen Äquivalenzsetups (bzgl. Winkel und Richtcharakteristik), incl. reines AB, durchfahren, nachträglich (sogar windschiefe Varianten). Oder gleich ein ganzes Tetraeder- oder Kugelarray solcher Systeme, dann hätte mit, bis auf die gequantelten Abstände, wirklich alle überhaupt nur denkbaren Hauptsystem-Möglichkeiten, nachträglich und stufenlos verstellbar. Ob das wirklich jemand braucht oder inwieweit das praktikabel ist, steht auf einem anderen Blatt, aber darüber nachdenken kann ja nicht schaden...
Grüsse, Klaus S


Erdies Hoerprobe
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Antwort#12
... nachträglich (sogar windschiefe Varianten). Oder gleich ein ganzes Tetraeder- oder Kugelarray ...
Wer glaubt, dass bei solcher Wiedergabe die Schallpartikel auch schön koinzident an den Ohren ankommen? Wobei wir ja sicher noch erschwerend mit einem wirksamen Ohrabstand von ca. 21 cm hören. Da ist doch praktisch und theoretisch der Wurm drin.
Didi
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Antwort#13
Ja David Chesky von chesky-records meinte ich.
Gruß
Erdie
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Antwort#14
Wir hören vor allem mit dem Lautsprecher und nicht mit dem Kopfhörer. Insofern spielt der Ohrabstand nicht die große Rolle, die ihm oft zugeschrieben wird. Mit dem natürlichen Hören hat das alles nicht mehr sehr viel zu tun.
Nichtsdestotrotz halte ich von "nachträglich" nicht allzu viel. Man macht sich nur mehr Arbeit, und das Ergebnis wird nicht zwangsläufig besser (vorsichtig formuliert). Entweder die Aufstellung stimmt vor Ort, oder sie stimmt gar nicht. Höchstens: mehrere Alternativen hinstellen und sich dann nachträglich für eine davon entscheiden.
Meine persönliche Meinung.
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