Bitte um Präzisierung des Begriffs "binaural" im Zusammenhang mit Mikrofonie

Erstellt 7 Antworten8 Beiträge
Startbeitrag#1
Hi!
http://de.wikipedia.org/wiki/Binaurale_Tonaufnahme
Soweit ich den Teil bei "Ohne Kunstkopf" verstehe soll die Jecklin Scheibe und OSS nun als binaurale Mikrofonanaordnungen angesehen werden.
Für mich ist nun nicht ganz ersichtlich bei welchen Mikrofonanordnungen mit Trennkörper man noch von Kopfähnlich ausgeht und bei welchen nicht mehr. das würde doch dann offenbar entscheiden ob es sich um eine binauraltechnik handelt?
Sollten Verfahren die ohne die "Emulation" des Aussenohres denn überhaupt als binaural durchgehen? Wenn also etwa nur der Kopf nachgeformt wird, nicht aber die Ohren, oder gar der Kopf zur Kugel, zur Scheibe stilisiert wird? Eine Aufnahme mit dem Kugelflächenmikrofon kann doch auch gut für Lautsprecher gemacht sein und darauf auch passabel klingen!
Ebenso sieht doch Jecklin den Einsatz von OSS insbesondere jetzt auch mit seinem Sourround-Verfahren mit mehreren Scheiben nicht wirklich als nur für Kopfhörer gemacht an.
Bei Blauert findet sich im Index bei "binaural stereophony" ein Verweis : "see Dummy head". Das wäre doch eine schöne Abgrenzung. Da wird eine Aufnahme gemacht mit einem Kopf der auch Ohren hat, also ist es binaural.
Wie seht ihr das ? Was versteht ihr unter "binaural", welche Definition haltet ihr didaktisch für Sinnvoll?
mfg Tom
ZitierenPost melden
Antwort#2
Das Wort "binaural" heißt ja: beidohrig, also dem Kopf mit den beiden Ohren zugehörig.
Die Aufnahmetechnik mit Kunstkopf und Ohrmuscheln oder kunstkopfähnlicher harter Glaskugel oder weichem Fußball als Trennkörper und seitlich angebrachten Druckempfängern mit einer Mikrofonbasis von 16 bis 20 cm und das Abhören über Kopfhörer wird großzügig als binaurale Aufnahmart bezeichnet. Auch noch einfachere Trennkörper, wie runde Scheiben oder quadratische Platten und Kunststoffkeile zwischen den Mikrofonen mit ohrähnlichem Abstand werden als Mikrofonsystem für Kopfhörerwiedergabe betrachtet. Jecklin versuchte seine Scheibe als Aufnahmesystem auch für Stereolautsprecher zu etablieren. Die anfängliche Euphorie hat sich schon lange beruhigt und selbst Jecklin hält seine 30-cm-Scheibe mit dem "Ohrabstand" von 18,5 cm heute nicht mehr für nicht ideal, auch wegen der hörbaren Kammfiltereffekte aus seitlichen Richtungen.
Seine neue OSS-Scheibe hat 35 cm Durchmesser und die Mikrofone haben eine Basis von 36 cm. Damit ist eine Aufnahme dieser Art sicher nicht mehr als "binaural" zu bezeichnen".
Sicher möchte jeder Aufnahmeleiter, der mit einem binauralen System aufgenommen hat, dass mit Stereo-Lautsprecher abhörende Kunden auch seine CD kaufen. Darum wird immer erklärt, die Aufnahme sei auch mit Lautsprechern abhörbar. Was immer das genau heißen mag - schauen wir da mal nicht so genau hin. Es ist müßig, zwischen echten binauralen Aufnahmen mit Kunstkopf und Kopfhörerwiedergabe und kunstkopfähnlichen Gebilden aller Abmessungen und einer eventuellen möglichen Lautsprecherwiedergabe deutlich zu unterscheiden. Wir Menschen haben alle unterschiedliche Gehörsystemabmessungen; darum wird es bei der Aufnahme nie eine "Übereinstimmung" der Signale beim Abhören geben. Sicher kann man "puristisch" sein und allein "echte" mit Kunstkopf oder einem echten Menschen gemachte Aufnahmen mit binaural bezeichnen. Aber da es keinen Begriff für "Fast-Kunstkopf-Aufnahmen" gibt, ist man bei der Bezeichnung binaural recht großzügig; so kann man Trennkörper-Aufnahmen auch mit binaural-ähnlich oder auch mit binaural bezeichnen. Verkäufer von Aufnahmen legen sich dabei selten genau fest, denn man möchte lautsprecherkompatible binaurale Aufnahmen vertreiben.
Jedenfalls gehören die "binauralen" Spektraldifferenzen (die am Mikrofonort in der Natur nicht vorhanden sind) nicht in die Stereolautsprecher und man muss sich die Frage stellen, wozu müssen die Mikrofone den am Original-Schallort vorgefundenen linearen Sound extra durch den Trennkörper so stark in der Klangfarbe verbiegen? (Zitat: Sengpiel).
Eine Auswahl von Trennkörper-Mikrofonanordnungen:
http://www.sengpielaudio.com/TrennkoerperMikrofonsysteme.pdf
Bei Blauert findet sich im Index bei "binaural stereophony" ein Verweis : "see
Dummy head". Das wäre doch eine schöne Abgrenzung. Da wird eine Aufnahme
gemacht mit einem Kopf der auch Ohren hat, also ist es binaural.
Dagegen ist ja nichts zu sagen.
Mir sind wirklich mit Kunstkopf KU 81 gemachte Aufnahmen bekannt, die mit Filtern auf Lautsprecherklang getrimmt wurden. Auf der CD ist kein Hinweis auf den binauralen Ursprung zu finden. Man hat wohl seine Gründe.



Die neue Jecklinscheibe OSS ohne Kopfabmessungen
ZitierenPost melden
Antwort#3
Hallo
Das ist ganz einfach binaural bedeutet /zwei. Die binaurale Aufnahme verfahren da gibt es nur den Kunstkopf! Die Jeklin Scheibe ist ein Trennkörperaufnahme verfahren das man aber mit einem Kunstkopf nicht vergleichen darf. Und eine Binaurale Aufnahme ist auch nur Binaural wenn man diese mit einem Kopfhörer abhört!
Kurzer Auszug aus meiner Arbeit:
2. Der Kunstkopf = binaurale Aufnahmetechnik
Der Kunstkopf ist im Grunde eine Plastik, die dem menschlichen Kopf getreu nachempfunden ist. Jedoch das Gehörorgan wird durch hochwertige Mikrofone ersetzt. Beim Anhören dieser Signale mittels eines hochwertigen Kopfhörers wird dem Zuhörer die Illusion vermittelt, so als würde er sich direkt an dem Aufnahmeort befinden. Dies ist jedoch nur möglich, wenn das Diffusfeld bei der Aufnahme in Betracht gezogen wird. Ansonsten kommt es zu einer Klangverfärbung und die Abbildung des Raumes wird nicht korrekt wiedergegeben.
Darum ist Folgendes zu beachten: Wenn die Qualität der Aufnahme in den ?High-End-Bereich? gehen soll, müssen die installierten Mikrofone des Kunstkopfes (im Diffusfeld) so entzerrt sein, dass sie im Frequenzgang möglichst parallel dem Freifeld angepasst sind. So kann man dann die Hall-Balance mittels des Abstandes zur Schallquelle verändern, also das Verhältnis vom direkten Schall zur Raumreflektion, ohne dass sich der Frequenzgang verändert.
Dies kann mittels eines mechanischen Laufzeitgliedes, eines passiven Filters oder auf digitaler Ebene bewerkstelligt werden. Jedoch - wie die Geschichte zeigt - ist man erst nach vielen Jahren durch Versuche und Entwicklungen zu diesen Erkenntnissen gekommen.
2.2.3 Kunstkopfaufnahmen in der Musik
Bei Musikproduktionen wird der Kunstkopf nur sehr selten eingesetzt. Das liegt daran, dass das Audiomaterial kaum lautsprecherkompatibel ist und mit großem Aufwand verbunden ist.
Man muss grundsätzlich zwischen ?Overdub recording? und einer ?Stereorecording-Situation? un-terscheiden. Bei Rock- und Poproduktionen ist es üblich im ?Overdubverfahren? auf mehreren Ein-zelspuren zu rekorden. Dies ist mit dem Kunstkopf natürlich nicht möglich, da dieser kei-ne?Stereospur? aufzeichnet, sondern binaural. Man muss beachten, dass man die Instrumente so um den Kunstkopf verteilt wie diese später im Panorama stehen sollen. Mann kann die Instrumente dann wie gewohnt auf ein ?Harddisk-System? aufnehmen. Beim späteren Mixdown ist dann nur darauf zu achten, dass man die einzelnen Instrumente nicht mehr uneingeschränkt mit einem ?E-qualizer? bearbeiten darf, da dieser die richtungsbestimmenden Frequenzbänder (Blauertschen Bänder) beeinträchtigen könnten, die für die Lokalisierung verantwortlich sind. Auch das nachträgli-che Bearbeiten des Panoramas ist nicht mehr möglich.

Wie oben schon erwähnt ist es nur möglich mittels Kopfhörer einen raumgetreuen Eindruck zu be-kommen. Es ist mit Sicherheit interessant wie nun diese Signale, die mittels eines Kunstkopfes aufgezeichnet wurden wohl über Abhöre zur Geltung kommen.
Die Idee der kunstkopfbezogenen Stereofonie geht davon aus, dass die Signale der beiden aufge-zeichneten Spuren nur an die dafür vorgesehenen Ohren gelangt. Wenn dies so ist, wird sich ein Räumlichkeitshören einstellen, beim Anhören dieser Signale mittels eines beliebigen Kopfhörers ergibt sich dies von selbst. Bei Verwendung von einer Abhöre, wo diese Signale abgespielt werden ist Folgendes zu beachten: Die Ohren müssen von beiden Signalen (Lautsprecher) zugleich be-schallt werden und die Reflektionen (Nachhall) des Abhörraumes mit den Frequenzen des ?mit dem Kunstkopf aufgenommenen Raumes? überlagern. Gegen das Problem, dass die Ohren zugleich von beiden Signalen beschallt werden, ist kaum wirksam vorzugehen. Um diese Auswirkungen ein-zuschränken sollte man nur in Räumen mit wesentlich mehr Nachhall, als ein normaler Wohnraum aufweist eine Kunstkopfaufnahme produzieren. (Nachhallzeit > 0,8s).
Das von Dr.-Ing.Ralf Kürer entwickelte System arbeitet mit vier Lautsprechern. Um einen optimale Phantomschalquelle (sweet-spot) zu erlangen, werden zunächst die Signale der vorderen Laut-sprecher, die auf die ?falschen Ohren? treffen, getilgt. Dies geschieht allerdings mittels eines Laut-sprechers, der genau gegenüber platziert ist. Bei dem gegenüberliegenden Lautsprecher wird nun die Phase um 90 Grad gedreht, ein Filter eingesetzt und zeitverzögert. Verlässt nun der Hörer den ?sweet-spot?, so ist das nicht weiters dramatisch, da der Schall aus allen vier Richtungen auf ihn abstrahlt. Die empfundene Schalleinfallsrichtung weicht dann zwar von der ursprünglichen ab, da aber das ganze Klangbild verschoben wird, bleibt der gewünschte Eindruck wegen der in kopfbe-zogenen Aufnahme vorhanden. Auch die Möglichkeit der Quadrofonie kann nicht den Eindruck erwecken, am Ort des Geschehens dabei zu sein, dafür sollten wir zu Kopfhören greifen.
Da stellt sich natürlich für mich sofort die Frage ob dies nicht mit moderner Surroundtechnik mög-lich sei, einen ?sweet.spot? Herzustellen?
Das Folgende Bild zeigt eine Quadrofonie von Dr.-Ing.Ralf Kürer

Ich hoffe es ist Dir damit geholfen!(welch ein Wortspiel) gg
Wenn Du noch Fargen hast Meld Dich einfach.
Gruss
Wooten
ZitierenPost melden
Antwort#4
Das ist ganz einfach: binaural bedeutet /zwei.
Kleine Korrektur: bi bedeutet zwei.
Aural bedeutet: Das Ohr (Auris) betreffend, zum Ohr gehörend.
ZitierenPost melden
Antwort#5
"Der Kunstkopf ist im Grunde eine Plastik, die dem menschlichen Kopf getreu nachempfunden ist. Jedoch das Gehörorgan wird durch hochwertige Mikrofone ersetzt."
Was ist das Gehörorgan, das durch Mikrofone ersetzt wird?
Oft wird das menschliche Trommelfell als Ort erklärt. wo die Mikrofonmebran zur Aufnahme sitzen müsse. Das ist nicht richtig.
Auch wird vergessen, dass die Membran des Kopfhörers bei der Wiedergabe niemals an der Stelle der Trommelfelle sitzen kann.
Wer möchte den Kunstkopf-Gehörgang einmal bei der Aufnahme und ein zweites Mal den eigenen Gehörgang bei der Wiedergabe hören?
Alle Abmessungen der Teile die zum menschlichen hören verwendet werden sind bei jedem Menschen recht verschieden, wie die Fingerabdrücke.
Was beim Abhören von Kunstkopfaufnahmen immer vergessen wird ist, dass bei Kopfbewegungen ganz unnatürlich das Klangbild starr den Kopfbewegungen folgt.
Dieses wird mit der Elevation (Erhebung) von Frontschallquellen oder gar mit Hintenwiedergabe bestraft.
Binaurale Aufnahmen sind fern von Natürlichkeit, selbst bei Wiedergabe über Kopfhörer - von Lautsprecherwiedergabe (auch nach Kürer) ganz zu schweigen.
ZitierenPost melden
Antwort#6
Zitat von wooten: "Kurzer Auszug aus meiner Arbeit: Der Kunstkopf = binaurale Aufnahmetechnik".
Interessant. Sag' mal, kann man diene Arbeit im Internet finden? Das wäre schön.
ZitierenPost melden
Antwort#8
Das sind ja interessante Wortwolken zum Begriff "Binaurale Tonaufnahme".
Sehr praktisch dieses Tool.
Jecklin-Scheibe, Intensitätsstereofonie, Interaurale Signale, Interchannel-Signal, Kopfhörer, Kugelflächenmikrofon, Lateralisation, Laufzeitdifferenz, Laufzeitstereofonie, Lokalisation (Akustik), Lokalisationsschärfe, Mikrofon, Mikrofonbasis, Ohrabstand, Ohrsignal, Pegeldifferenz, Schalldruckpegel, Spektraldifferenz, Stereodreieck, Stereofonie, Tonaufnahme, Trennkörper, Äquivalenzstereofonie...
ZitierenPost melden

Deine Antwort

Du kannst ohne Anmeldung schreiben.