Lieber Hansi,
Rainer hat die wesentlichen Sachen angesprochen; weshalb ich wohl besser daran täte, den Rückzug anzutreten, denn meine Wortketten sind ja bekannt.
Ich betone nur (?) noch einmal den Kompromiss aus Geräuschspannungsabstand und Aufzeichnungsfehlern durch Differenztonverzerrungen bzw. Klirrfaktor als zwei Seiten derselben Medaille. All dies ist auf jeder A80, B67, M5, T9 K7 [wer sah je eine, Finger hoch!] und M20 so zudem stark frequenzabhängig, was vom Tonmeister geschickt ausgenützt und über psychoakustische Erfahrung auch kompensiert werden kann.
In meiner Frühzeit war es riskant, Horn und Klavier z.B. mit Vollpegel (wohl gemerkt nach DIN 45513/2 mit 35µs, also nicht NAB!) aufzunehmen, weil man die Modulation selbst aus den damaligen Lautsprechern über Band herzhaft klirren hörte!
Nicht vergessen: PEM 468 war kein Sendeband, da nahm man PER 528, dessen Eigenschaften ungefähr mit den Archivbeständen, nicht aber den aktuellen technischen Möglichkeiten korrelierten.
Nur zum Spaß: Mal mit einem 525 (vorsicht: Kopfmordendes Reibeisen) oder 528 irgendetwas live aufnehmen (möglichst klassisch mit entsprechend hoher Dynamik) und zwei Male solide, nach allen Regeln der Kunst kopieren. Ich habe das nie ohne DOLBY oder Telcom ausgehalten, denn der Herbstwind rauscht dabei schon im Original böse durch den Notenwald.
Man gewinnt Achtung vor den Leistungen altgedienter Tonmeisterkollegen, für die dies ein Leben lang Normalität war und sie nicht von beklemmenden Leistungen abhielt.
Das ZDF übrigens steuerte in seiner Frühzeit gar 10dB unter 320 pWb/mm (102 pWb/mm!!!) aus, um das Klirren geringer zu halten; und die guckten ja eigentlich eher auf ihre schwarz-weiß-grimmeligen Bildschirme als auf das, was aus den Lautsprechern kam.
Und: Jede Röhre war ein potentieller Unruhestifter, von einer Sekunde auf die andere, denn (so E. Rothe von der EMI): "Da krisselte doch immer was!" "Bei uns
kam der Messdienst [für die Bandmaschinen, HJR] jeden Morgen. Jede Bandmaschine wurde also jeden Tag einmal eingemessen."
Auch die Amplitudenstatistik (wen unter den Tonverantwortlichen interessiert das heute noch bei der Aufnahme?) bildete einen wesentlichen Teil für den Kompromiss zwischen Bezugspegel (gemessen wird analog mit 10 ms Integrationszeit!) und Geräuschspannungsabstand; sich das im Isophon-Taschenbuch (H. Williges) oder im Webers (er hat eigentlich alles, incl. einer schönen Grafik zu den Reaktionen auf das nicht-lineare Verhalten des Magnetbandgerätes) anzusehen zeigt auch, welch schmalen Steg man sich analog durch das musikalische Gewürge zu suchen hatte.
Und: Selbst Ray Dolby from Portland, OR und TELCOM C4 (das war 'ne schöne Sache der Wolfenbütteler, allerdings keineswegs das erste Interessante, was aus diesem Städtchen kam...) ändern nichts daran, dass eine Analogaufnahme so na mal 60 dB Dynamik abdeckt, dies aber nicht nur im Geräuschspannungsabstand (da tricksen ja beide vorgenannten Verfahren, Ray sogar zusätzlich mit einer eigenen Norm, die er durchsetzen konnte, um auf seine 12-15 dB zu kommen; so macht man das!), sondern vor allem in der Auflösung. Dies ist keine Voodoo-Prosa, sondern meint 1000 sauber reproduzierbare Pegelstufen. Das bleibt nämlich durch den Einsatz der Rauschminderer gleich!
Effektiv ist es bei unseren 'guten alten' 16 Bit hinsichtlich des Geräuschspannugnsabstandes auch nicht viel mehr (vgl. Vorträge schon auf der TMT 1981), dies aber mit einer Auflösung, die -je nach Betrachtung- um rund eine Größenordnung (Zehnerpotenz) höher liegt.
Das hört man ja auch, wenn man auf den Ohren sitzt, was uns allen hoffentlich erspart bleibe.
Die Maximierung des Geräuschspannungsabstandes in den Messwerten von Bandgeräten und Bändern, nach der du fragst, fand man durchaus, dies aber in erster Linie in der englisch-sprachigen Werbeliteratur (1040 pWb/mm, mitunter auch darüber), was aber nur mehr für den Bereich 330 bis 1000 Hz bei akzeptabler Qualität (ist bei analoger Technik ja relativ!) zu gewährleisten war. In Europa dachte man breitbandiger und auch in Traditionen stehend, die durch die RRG begründet waren. Man sah sich die Aussteuerungen für einen Klirrfaktor von 3% an und definierte die dabei entstehenden rund 320 pWb/mm als Grenze, die man in einzelnen Spitzen überschritt (AM- und FM-Rundfunk sind auch noch zu berücksichtigen...). Mit der Stereofonie kam der Rasen zwischen den beiden Spuren und das Problem des Korrelationsgrades hinzu, weshalb man die Aussteuerung um 4 dB auf 514 pWb/mm anhob, wodurch sich in etwa eine Aussteuerung ergab, die bei Wiedergabe eines Stereobandes auf einer Mono-Maschine einen Vollpegel von 320 pWb/mm entsprach. (Wb: Benannt nach Walter Weber (1907-1944), Vater der praktisch ausgeführten HF-Vormagnetisierung, RRG-Ingnieur bis zum Tode -durch Herzinfarkt, nicht selbstverständlich im Berlin dieser Tage). Natürlich wurden die Bandeigenschaften besser, weshalb 320 pWb/mm dann als Orientierungswert blieben, dies jedoch bei geringerem Klirrfaktor.
Zur Illustration der Abhängigkeit der Einzelparameter eines Magnetbandes solltest du einmal auf die EMTEC-Seite gehen und dir die PDF-Dateien (der Link ist jeweils rechts oben auf der Seite des jeweiligen Magnetbandes 468 oder 911) der technischen Daten downloaden und analysieren. Viele Fragen werden damit beantwortet.
http://products.emtec-group.com/de/de/Professional_Media/Studio/Audio/Schönen Abend aus München!
Hans-Joachim