Moin Rainer...
Es ist immer wieder das selbe Prinzip: "man nehme eine Wahrheit und stelle
sie in Frage".
Das was wir in der Audiotechnik als "erwiesen" ansehen ist auch wirklich
erwiesen!
Es ist im Bereich der Hörphysiologie und Psychoakustik mehr erforscht als
mancher glaubt und wahrhaben will.
Anderenfalls wäre man nicht in der Lage eine inzwischen unüberschaubare
Anzahl Effektgeräte zu bauen, die die psychoakustischen Eigenschaften des
Gehörs ausnutzen. Denn die Entwicklung solcher Geräte setzt ja voraus, daß
diese psychoakustischen Vorgänge bekannt sind.
So funktioniert Forschung! Ohne diese Frage hätten wir absoluten Stillstand. Man baut heute Prozessoren, deren Belichtung nach dem Wissensstand von vor 20 Jahren gar nicht funktionieren dürfte (Beugungslimit). Tonnenschwere Flugzeuge heben vom Boden ab - was vor 100 Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Der Beispiele gibt es viele...
Mit Verlaub, Rainer, mit dieser Aussage lehnst du dich IMHO sehr weit aus dem Fenster. Die bisher gemachten Erkenntnisse sind sicher nicht falsch - aber es werden teilweise unberechtigt viel zu weitreichende Schlussfolgerungen daraus gezogen.
Das Ohr ist (wissenschaftlich anerkannt) ein nichtlineares "Messinstrument", und so würde es mich verwundern, wenn Erkenntnisse, die mit stationären Signalen, womöglich einzelnen Sinustönen gewonnen wurden, auf jedes x-beliebige Signal zutreffen müssten. In vielen Fällen mag das sein, aber doch nicht zwingend!
Aus der Aussage "Mensch kann einen 20kHz-Sinus nicht wahrnehmen" die Aussage "Wir brauchen uns um alles oberhalb 20kHz GARANTIERT nicht zu kümmern" herzuleiten, ist physikalisch völlig falsch! Das KANN stimmen, MUSS es aber nicht.
Dem möchte ich gar nicht widersprechen. Aber ich hätte gerne von dir mal Links o.ä. zu umfassenden Reihenuntersuchungen zum Hörvermögen z.B., die in den letzten 15-20 Jahren gemacht wurden.
Warum?
Das menschliche Gehör lässt sich nur begrenzt vermessen. Das meiste fußt auf subjektiven Angaben ("Höre einen Unterschied - höre keinen"), die erst durch umfangreiche Statistik wissenschaftlich relevant wird. Und wegen des subjektiven Charakters müssen auch Hörerfahrungen mit einbezogen werden. Ein Beispiel: Die meisten Menschen hören zwischen MP3-codiertem Material mit 128 vs. 192kbps keinen Unterschied. Lässt man dieselben Leute aber mit einer sehr niedrigen Bitrate (etwa 48kbps) den Klang von MP3-Artefakten erfahren, so dass diese wissen, wie sich so etwas anhört, können dieselben Leute nachweislich(!) hinterher den Unterschied 128/192 mit recht großer Sicherheit sehr wohl hören.
Das gleiche könnte (ich sage bewusst "könnte") ähnlich gelten für solche Dinge wie den "Hörfrequenzgang". Heute konsumieren die Menschen viel mehr Musik in durchschnittlich viel besserer Klangqualität als vor 30 oder 50 Jahren. Das kann IMHO durchaus darin resultieren, dass Unterschiede, auf die das Durchschnittsgehör "anno Fletcher" einfach nicht trainiert war, heute eher wahrgenommen werden.
Wenn man natürlich solche Tests wie "wir bauen mal einen 20kHz-Tiefpass in den Signalweg und machen damit einen AB-Doppelblindtest" mit Musikmaterial durchführt, was z.B. mit Mikrofonen und anderem Equipment aufgenommen wurde, die schon deutlich früher "zumachen", darf man sich über ein Nullresultat nicht wundern.
Ernstgemeinte Frage: Kennst du eine Untersuchung, die z.B. diesen Test macht mit komplexen Musiksignalen, die zuvor mit einer über die gesamte Signalkette garantierten Bandbreite von 40kHz aufgenommen wurden? Ich wäre dankbar für einen Link.
Geräte, die die BEKANNTEN Effekte ausnutzen kann man auch dann, wenn es weitere, noch unbekannte Effekte gibt. Das widerspricht sich nicht.
Jens