Fragen zu Dickreiter Bd. 1: OSS + Kunstkopf (S. 286)

Erstellt 8 Antworten9 Beiträge
Startbeitrag#1
Für Dickreiter zählen diese Trennkörper-Verfahren zu den Äquivalenzverfahren, ähnlich wie schon Jecklin Anfang in seinem Buch "Musikaufnahmen" (zumindest in meiner Ausgabe von 1984) das OSS-Verfahren als Ersatz für Pegeldifferenz-Systeme empfiehlt. (S. 54: "... kann in den meisten Fällen ein Intensitäts-Stereomikrofon ersetzen").
Ich kenne die Begründungen von ebs und weiss, dass er das nicht so sieht - deshalb: Ist die Aussage Dickreiters technisch überholt oder muss man das als Geschmacksfrage nebeneinander gelten lassen?
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Antwort#2
Gegenfragen:
Wann kommt der Begriff von welcher Seite auf, was will, was wollte der Autor damals damit sagen, geht das mit den -verkürzten- Hinweisen bei Dickreiter zusammen?
Man sieht dann klarer und lernt selbst kritisch nachdenkend auch etwas über das Denken im Kollegenkreis dazu.
Hans-Joachim
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Antwort#3
Hallo Hans-Joachim,
bitte lies den Betreff, dort steht die Seite.
Schlag deinen Dickreiter auf und Du siehst eine Tabelle auf der genannten Seite, in der OSS und KK unter "gemischte Verfahren" zusammen mit ORTF genannt werden.
Die Frage hierzu war sinngemäß: Ist es auch mit dem heutigen Wissen vertretbar, solche Trennkörperverfahren unter "Äquivalenzverfahren" zu führen?
Das OSS-Verfahren wurde Anfang der 1980er-Jahre von Jürg Jecklin ausgetüftelt und damals bejubelt. Nach und nach setzte sich wohl die Erkenntnis durch, dass Trennkörper-Verfahren klanglich verfärbt und deshalb für Lautsprecher-Wiedergabe nicht geeignet sind. Zu diesem Thema gibt es Statements u. a. von Eberhard Sengpiel sowie Diplomarbeiten.
Das "Handbuch der Tonstudiotechnik" stammt aus den 1970er-Jahren, die neueste Ausgabe, auf die ich Bezug nehme, wurde 1996 gedruckt.
Ich hoffe, Deine Fragen hinreichend genau beantwortet zu haben.
Gruß
Uwe
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Antwort#4
Lieber UweL,
mir ist das alles bis zum Erbrechen geläufig, weshalb ich nicht direkt, sondern indirekt, mithin rhetorisch rückfragte, um dich zur wissenschaftlichen Recherche aufzufordern, die in diesem Falle ziemlich unaufwändig ausfällt, da wir nicht bis in die Tage von Braunmühl & Weber zurückmüssen.
'Den' Dickreiter besitze ich in drei Auflagen, kenne ihn (mit Untiefen) und erfreue mich der nicht allein kollegialen Freundschaft des Urhebers, weshalb ich recht genau weiß, welch' interessanter Mensch sich hinter seinen Brillengläsern verbirgt.
Hans-Joachim
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Antwort#5
Die Akustik-Diplomarbeit von Christof Hudelmayer "Stereo-Mikrofonverfahren mit Trennkörpern im Vergleich" ist hier noch im Archiv zu finden:
http://web.archive.org/web/20020811051324/http://www.fh-duesseldorf.de/WWW/DOCS/FB/ETECH/DOCS/tb/media/hudel/hud_kap1.html
Leider wurde die Originalfassung mit Bildern vom FH-Düsseldorf-Server genommen.
Diese Arbeit ist sehr lesenswert.


Christof Hudelmayer: Stereo-Mikrofonverfahren mit Trennkörpern
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Antwort#6
Lieber Hans-Joachim,
vielen Dank.
Es freut mich, dass Du wichtige Menschen kennst und schäme mich ganz arg, dass ich eine solch dumme Frage zu einem Thema, das offenbar bereits abschließend geklärt ist, gestellt habe.
Oder doch nicht?
;-)

Gruß
Uwe
PS: Mich würde trotzdem interessieren, was andere Kollegen darüber denken, denn ich weiss, dass einige hier im Forum - in dem Fall wider besseres Wissen - OSS bewusst für Lautsprecher-Wiedergabe verwenden.
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Antwort#7
Dass der Erfinder seine Scheibe gern groß für Lautsprecheranwendung verbreitet hätte ist klar, denn nur da ist der Markt. Unter dem Motto "nur für Kopfhörer" könnte man so etwas kaum loswerden. Gleichermaßen wurde auch der Neumann-Kunstkopf unrichtig beworben: Ein ideales Stereomikrofon! Man will verständlicherweise verkaufen.
Als deutlichen Test empfehle ich, einen Geiger auf zwei im Abstand von 20 cm aufgestellte Kugelmikrofone spielen zu lassen; aus etwas 45° seitlicher Richtung. Dann mal einen Trennkörper (vielleicht eine Aktentasche) probeweise schnell dazwischenhalten. Die Frage: Was klingt klarer, besser unverfärbt, wird von jedem deutlich im schnellen A-B-Vergleich gehört. Ohne das Zeug dazwischen klingt es offener und freier. Also warum denn so einen Trennmüll als Hindernis?
Jedenfalls hat bei den Teilnehmenden diese Lehre gesessen. Niemand war daraufhin mehr scharf darauf, unbedingt so eine Scheibe zur frequenzabhängigen Pegelverbiegung haben zu wollen, die am Schallort wirklich nicht vorhanden ist.
So steht trotzdem weiterhin bei Dickreiter auf Seite 286 in der Tabelle:
Gemischte Stereoverfahren = Äquivalenzstereofonie:
OSS-Verfahren, Kunstkopf als Stereomikrofon und das Kugelflächenmikrofon, das versehentlich hier vergessen wurde.
Für alle, die noch nie etwas von unnötigen Spektraldifferenzen (das sind quasi Ohrbeugungssignale) gehört haben, ist das einleuchtend.
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Antwort#8
Betram sachrieb:
"einen Geiger auf zwei im Abstand von 20 cm aufgestellte Kugelmikrofone spielen zu lassen; aus etwas 45° seitlicher Richtung. Dann mal einen Trennkörper (vielleicht eine Aktentasche) probeweise schnell dazwischenhalten. Die Frage: Was klingt klarer, besser unverfärbt, wird von jedem deutlich im schnellen A-B-Vergleich gehört. Ohne das Zeug dazwischen klingt es offener und freier. Also warum denn so einen Trennmüll als Hindernis?
Jedenfalls hat bei den Teilnehmenden diese Lehre gesessen. Niemand war daraufhin mehr scharf darauf, unbedingt so eine Scheibe zur frequenzabhängigen Pegelverbiegung haben zu wollen, die am Schallort wirklich nicht vorhanden ist."
Lieber Bernhard,
verzeih' mir: Das hast du wirklich so gemacht? Dann wäre ich durchaus an einem Hörbericht interessiert, denn bei mir funktionierte da 'was' nicht und das liegt jetzt als Versuch eines interessierten Abiturienten fünfunddreißig Jahre zurück, fiel also noch voll in die Koinzidenzepoche. (Dazu fällt mir unwillkürlich der Vortrag Lechner auf der TMT 1990 ein, dessen Diskussion danach aus dem heutigen Blickfeld sehr interessant war. Diese ist leider nicht archiviert. Zum zeitgenössischen Blick auf das Thema: Zahn-Püllmanns auf der TMT 1984. Meine P. gegenüber auf seinem Firmenstand persönlich gegen den Untersuchungsansatz vorgebrachten Einwände verstand P. nicht: Er hatte das Laufzeitverhalten von laufzeitstereofonen Anordnungen, vulgo "Phase", zum Qualitätsmerkmal erhoben!)
Technische Entwicklungen unseres Fachgebietes, egal ob sie in der Vergangenheit von Tonmeistern (z. B. Jecklin) oder Physikern/Ingenieuren (z. B. Theile) kamen, waren immer Kinder ihrer Zeit und deren Ansprüchen an eine Übertragung, wobei ich dabei nur sekundär qualitative meine.
Ihr tut so, wie wenn ausgefeilte Laufzeitstereofonien immer zum Regulärrepertoire gehört hätten. Das kam erst mit der CD (wieder) in Gebrauch, wie im März 1993 in Berlin bei der AES-Convention im Saal 1 des SFB nur zu deutlich wurde.
Überdies ist mir unbekannt, dass G. Plenge oder die Aachener den Kunstkopf als ideales Stereomikrofon bezeichnet hätten; hingegen hörte ich aus Tonmeisterkreisen mitunter recht interessante Glaubenbekenntnisse, die dann natürlich 'über die Zeit' in sich zusammenbröselten. Zur Evaluierung eines Verfahrens gehört immer auch die historische Fragestellung, von welcher Seite sich der Urheber dem Problemsachverhalt näherte, was er schließlich wollte. Und dazu reicht es eben für uns genau nicht hin, als neuzeitlicher Betrachter in einem Handbuch 'alles' vorfinden zu wollen, es in seinen groben und auf einen genau definierten Kundenkreis zugeschnittenen Verkürzungen einem Gesetzbuch gleich zu verwenden, ja Schlüsse auf das gedankliche Klima seines Autors ziehen zu wollen.
Die Tonmeisterschaft muss sich warm anziehen, wenn sie Dickreiters -er ist Tonmeister, nicht Ingenieur- intellektuelle Kapazitäten anhand seines Nürnberger SRT-Buches leichtfertig abhaken will.
Leute, lest doch bitte bei einschlägigen Fragen erstmal und vor kurzschlüssigen Annahmen unvoreingenommen die einschlägigen Aufsätze in den TMT-Berichten oder den AES-Preprints zur Sache, an die nun wirklich leicht heranzukommen ist. Dann beantworten sich viele Fragen wie von selbst. Seit Mitte der 1980er Jahre sind die Aufsätze durchwegs so genau, dass man nachvollziehen kann, was Sache sein wollte.
Nichts anderes wollte ich mit meinem obigen Posting sagen, denn ich kenne neben meiner Familie noch'n paar Leute mehr (auch in der ja nun wirklich kleinen Branche). Außerdem ist Michael Dickreiter für mich mittlerweile nicht mehr so leicht erreichbar wie noch vor wenigen Jahren. Jedem steht der Versuch frei, einen Autor anzuschreiben, was -solange dieser lebt- in den Zeitaltern von Net und E-Mail eigentlich kein Problem mehr sein dürfte. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mein Lebtag auf Selbstdarstellung, nicht aber auf Genauigkeit, Umsicht und Achtung vor dem Tun meiner Mitmenschen pfeife.
Ach ja, und ehe ich's vergesse: Bis 2000 redigierte Michael Dickreiter die TMT-Tagungsberichte....
Hans-Joachim
Hans-Joachim
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Antwort#9
Lieber Hans-Joachim,
um es klarzustellen, falls es mißverständlich war: Ich greife weder diese Kapazitäten an, noch habe ich mich nicht um das Thema intensiv bemüht.
Ganz sicher liegt mir auch fern, irgend jemanden sonst zu diskreditieren.
Dein Hinweis auf z. B. die VDT-Unterlagen in allen Ehren: Ich bin noch nicht so lange VDT-Mitglied und habe dann heute bei F. Jungen wegen der historischen Unterlagen nachgefragt: Leider kann man die Themen nicht online recherchieren (nur die beiden letzen Tagungen leidlich online, was sicher auch von der Bandbreite abhängt), man muss die Unterlagen für einen 3-stelligen Betrag mehr oder weniger blind kaufen (teilweise in digitaler Form, teilweise wohl Drucke), das werde ich jetzt auch tun (wenn Du einen anderen Weg weißt, freue ich mich natürlich über den Hinweis).
Ich darf an die Diskussion von vor einigen Monaten erinnern, als es um Bigband-Aufnahmen ging. Da wurde immer ein ominöser Beitrag von C. Albrecht aus den VDT-Nachrichten erwähnt, das Problem war nur, das offenbar keiner den Artikel wirklich hatte (oder fand) oder genau wusste, was drin stand. Ich habe dann irgenwann Carlos Albrecht angerufen und gebeten, den Text als PDF ins Web setzen zu dürfen.
Es ist also vielleicht nicht so ganz einfach, immer ALLES recherchieren zu können, wenn man nicht schon seit 30 Jahren dabei ist.
Ich gebe Dir aber recht, wenn Du grundsätzlich anmahnst, sich ernsthaft und intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen ... aber: Es wurden m. E. schon sehr viele doofere Themen hier diskutiert.
In diesem Sinne:
Freundliche Grüße vom Bodensee
Uwe
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