Problematik bei Aufnahmen mit Kindern

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Startbeitrag#1
Ich hatte gestern Abend eine Aufnahme eines Live-Konzertes mit dem Suzuki-Geigen-Ensemble aus Japan (innerhalb der Konzertreihe der "Nieder-Mooser Orgelkonzerte). Es handelt sich dabei um ein Ensemble mit Kindern ab 4 (!) Jahre bis Jugendliche bis 20 Jahre.
Bei der Mikrofonaufstellung bat mit einer der Leiter, die Ständer hinter die Stühle zu stellen und den Ausleger entsprechend auszurichte, weil die Kinder oftmals Angst vor den Mikrofonen haben.
Wer hat denn schon mal derartige Aufnahmen mit Kindern gemacht und wie sind da Eure Erfahrungen mit der "Mikrofonangst" der Kinder? Wie ist da die richtige "Psychologie" um den Kindern die Mikrofonangst zu nehmen?
Übrigens: Das gen. Ensemble spielte ganz großartig! Erstaunlich, was Kinder in diesem Alter da schon für Leistungen hervorbringen. Die Japaner machen da manchen Deutschen einiges vor!
MfG
Rainer

Nieder-Mooser Orgelkonzerte
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Antwort#2
Ach die Suzuki-Geiger. Ist doch schon seit ueber 30 Jahren bekannt.
Die Kinder werden quasi militaerisch zum Geigen gezwungen, ob sie dran Freude
haben oder nicht. Hat oftmals gravierende psychische Auswirkungen.
Dass die Kinder dann Angst vor den Mikro-Stativen haben, ist nur ein Aspekt davon.
Ich wuerde die Mikros uebrigens abhaengen.
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Antwort#3
Und: Alles spielerisch versuchen. Wenn Du um grosse Mikrostative nicht
herumkommst, lass sie an einem halb ausgezogenen Stativ (2m20) herumspielen,
ausziehen, zusammenschieben etc. Und das Stativ auch ganz ausziehen und aufstellen.
Und schrittweise von klein nach gross.
So aehnlich sind die Methoden der musikalischen Frueherziehung.
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Antwort#4
Ja, ja - die geprügelten Musikkinder. Ein leidiges Thema.
Bei kleinen Kindern hänge ich immer Stofftiere dran!
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Antwort#5
Hallo Rainer,
ich hab bislang nur was mit Kindern auf einem Filmset erlebt. Wenn die gefordert waren, haben sie Scheinwerfer, Kamera und Mikro um sich herum vergessen. Der Regisseur und Assitent hatten die wirklich gut im Griff und konnten sie von der Technik ablenken. Da aber bei denen ca. 80% der Zeit aus Warten und Herumstehen bestand, war Langeweile ein grosses Problem und dann gehen die Kids an alles, was nicht irgendwo festgeschraubt oder angeschweisst ist. Da wird am Mikro rumgefummelt, da wird reingepustet oder reingebrüllt... Und wenn man mal nicht aufmerksam war, hätten sie auch noch irgendwelche Stecker gezogen. (XLR hat ja da eine praktische Kindersicherung :) Besonders das Mikrofon an der Angel war faszinierend. Alsogut, dann hab ich halt erlaubt, dass sie die auch mal halten dürfen oder mal den Kopfhörer aufsetzen... Logisch, dass das alle gleichzeitig wollen. Man schwitzt dabei, dass alles unbeschadet bleibt...
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Antwort#6
Ich muss ehrlich sagen, dass ich erwarten wuerde, dass das bei Suzuki-Kindern
anders ist. Grundsaetzlich sind Kinder in Japan (je hoeher die soziale Schicht,
desto mehr) in der Gruppe zu viel mehr Zurueckhaltung erzogen als zB. in good old germany. Es ist eine voellig andere Kultur.
Waehrend hierzulande bei Werbespot-Produktionen mit Kindern gegenwaertig Animateure am set mit
dabei sind, die die Aufgabe haben, die Kinder bei Laune zu halten und zu beschaeftigen,
wuerde ich "Suzuki-Kinder" als aeusserlich wesentlich ruhiger einschaetzen.
Mich wuerde interessieren, ob Rainer bei seiner Begegnung mit der Suzuki-Methode
aehnliche Beobachtungen macht...
Gruss,
Mathematiker
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Antwort#7
Nunja - ich glaube, dass man bei Produktionen (Ton & Film) in den seltensten Fällen mit zurückhaltend ängstlichen Kindern aus Japan arbeitet. Es kommt immer auf die einzelnen Kinder an, meine Kids waren ja auch so um die 11-13, die Eltern etwas desinteressiert, sie im Zaum zu halten und wenn ein Kinderbetreuer im Budget gewesen wäre, hätte mich das sehr gewundert. Also macht man selber den Kasper so gut es geht. Mit vielen Kindern kann man ja auch schon vernünftig reden.

Angst vor dem Mikrofon bei den Suzukis Kindern - gibt das vielleicht zu denken? Ich kenne Suzuki zwar nicht gut, aber vielleicht gehört Fucht vor irgendwas zur Methode? Musikalische Früherziehung und -ausbildung halte ich für sehr wichtig, aber auf spielerische, altersgemässe Art. Da macht es auch Spass, sich mal aufzunehmen und selber wieder anzuhören. Z.B. habe ich als Kind mit Aufnahmen auf Cassette meine Fortschritte am Klavier kontrolliert und natürlich eine Cassette stolz der Oma geschickt :-)
Aber alles ohne Zwänge und mit Spass. Wer von den Kindern lieber Fussballspielen will, sollte nicht an ein Instrument gezwungen werden.
Auch wenn dieses Bonsai-Orchester erstaunliches hervorbringt, würde ich mal wissen, ob die Methode geeignet ist, wirkliche Begabungen zu fördern, gibt es bekannte Musikerkarrieren? Haben die Kinder wirklich Freude am Musizieren, oder ist es einfach nur 'süss' anzuschauen und zu hören, dass die Kleinen so Musik machen, wie die Grossen?
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Antwort#8
Hallo Rainer!
Ich hatte schon verschiedene Produktionen, bei denen auch hauptsächlich Kinder beteiligt waren.
Unter anderem war da eine Grundschule, an der eine sehr engagierte Musiklehrerin wirkt. Bei den Konzertmitschnitten war deutlich zu erkennen, daß die Kinder in größeren Ensembles völlig frei und ungehemmt vor Mikrofonen agieren können, wenn die Musik richtig einstudiert war und die Kinder deshalb über das nötige Selbstbewußtsein verfügten. Kinder, die auf der gleichen Veranstaltung Solo oder in kleinen Ensembles spielten, hatten ihre Probleme nicht mit den Mikrofonen, sondern mit ihren musikalischen Schwierigkeiten und der Vorspielsituation.
Was mir nur immer wieder bei Kinderchören auffiel: Die mangelnde Tragfähigkeit der Stimmen. Bei kleinen Kindern sicher durch den ungenügend ausgebildeten Stimmapparat, bei pubertierenden Mädchen begründet durch das dem Alter entsprechenden Hühnergehabe.
Ein weiteres Problem bei Kinderchören ist die mangelnde Stimmhaltung. Nach einer Strophe um einen Ganzton abgesackt zu sein ist nichts, was mich überrascht.
Die Idee, Mikrofone auf Hochstativen mit Auslegern zu montieren, die hinter dem Klangkörper stehen, ist nicht neu. Ich arbeite schon lange damit - insbesondere auch bei Konzertaufzeichnungen ist dies eine Möglichkeit, Mikrofone so zu positionieren, daß der optische Eindruck weniger gestört wird. Aber auch bei Produktionen setze ich gerne dort Hochstative ein, wo ich den Musikern keine klobigen Aufbauten direkt vor die Nase setzen möchte. Als Gitarrist oder Geiger hätte ich durchaus das Gefühl, durch ein Stativ vor mir in meiner Bewegungsfreiheit eingeengt zu sein.
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Antwort#9
Zwei mal hatte ich mit sehr jungen Musikerinnen und Musikern zu tun, und in beiden Fällen gab es überhaupt keine Mikrofonscheu. Die Kids haben kapiert, dass das, was sie schon so toll können, aufgezeichnet wird, und da ist denen ganz klar, dass da auch die entsprechende Technik stehen muss. Immer voll reinmusiziert, ins Mikro, einmal musste ich drauf hinweisen, dass zu nah dann auch wieder schädlich ist.
Die kommen gar nicht auf so schräge Gedanken wie die Erwachsenen, die da meinen, "der Mensch habe ja auch nur zwei Ohren .... und sitze ja im Publikumsbereich und nicht auf der Bühne.... " (hat, glaub ich, jeder Aufnahmemensch schonmal gehört).
Viele Grüße
Michael
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Antwort#10
Aber alles ohne Zwänge und mit Spass. Wer von den Kindern lieber Fussballspielen will, sollte nicht an ein Instrument gezwungen werden.
Damit ist das so eine Sache:
Unsere "Kleine" (5 Jahre) lernt seit einem halben Jahr Geige. Nach jeder Unterrichtsstunde ist es ein förmlicher Kampf mit dem Kind, bis es "endlich" das macht und erreicht, was ihm im Unterricht gezeigt wurde. Sobald sie die geforderten Sachen - meist nach drei Tagen - umsetzen kann, macht es ihr Spaß - und erst recht, wenn sie erkennt, daß sie etwas kann, was sonst keiner beherrscht.
Die "Große" (fast 12 Jahre) hat seit drei Jahren Klavierunterricht - davon die meiste Zeit bei einem Lehrer, von dem ich nichts halte, weil er seine Schüler nicht fordert, sondern in vereinfachten Klaviersätzen das mitgibt, was die Kids spielen wollen. (Inzwischen kann ich weder "Bella Bimba" noch "Peter & der Wolf" mit den immer gleichen Fehlern und Unzulänglichkeiten hören!)
Nach drei Jahren Unterricht kann man deshalb immer noch sinnlose Diskussionen um den Sinn von Fingersätzen führen. In Czerny's erster Etüde aus op. 299 macht die Linke Hand nur einfachste Akkorde, die von Takt zu Takt wechseln, die r.H. macht Tonleiterläufe in 1/16. Das Mädchen hat Probleme (!?), die Akkorde zu spielen. Da ich relativ wenig Zugang zu ihr habe (Stieftochter), bin ich nicht die geeignete Person, um sich mit ihr und diesen Schwierigkeiten auseinander zu setzen. Aber dies ist in meinen Augen ein klassischer Fall, wo ein Schleifen lassen nach dem Lust- & Launeprinzip zu gar nichts führte: Drei Jahre Unterricht und immer noch ein Niveau, das ich in diesem Alter bereits nach einem Jahr erwarte ...
Aber auch in anderen Dingen beobachte ich ähnliches Verhalten: Sobald Schwierigkeiten im Verständnis auftreten, vergräbt sich das Kind erst einmal mit Knatschen und lautem Lamento.
Kinder müssen auch lernen, daß nicht allein die Tatsache, ein Instrument zu besitzen und Unterricht zu erhalten, automatisch dazu befähigt, ein Instrument spielen zu können. In der Schule und später in der Ausbildung und noch später in der beruflichen Fortbildung ist die Fähigkeit, lernen zu können, für die wirtschaftliche Existenz unabdingbar.
Ein anderes Beispiel zu "Lust und ohne Zwang":
Das Humbold-Gymnasium in Köln hat einen musikalischen Zweig mit recht gutem Niveau. Schüler, die diesen Zweig belegen möchten, müssen eine Eingangsprüfung bestehen. Daneben gibt es auch noch einen Zweig für Ballet und Tanz (auch hier gilt: keine Anfänger!). Wer diesen Zweig belegt, hat fünf Nachmittage in der Woche Tanzausbildung und zum Schulabschluß eine ziemlich gute und umfassende Grundausbildung, mit der man schon ins Berufsleben starten könnte. Eltern, die für ihre Kinder einen solchen Beruf vor Augen haben, kommen wohl kaum um den nötigen "Drill" herum.
Natürlich kann man über solche Karriereplanungen durch die Eltern geteilter Meinung sein: Eine noch so solide Ausbildung ist keine Garantie für die künstlerische Eignung noch für beruflichen Erfolg. Und woher weiß man bei einem 5Jährigen Kind, ob es letztlich trotz genialer Begabung nicht etwas ganz anderes machen wird? In diesem Fall wird man im Nachhinein zu der Erkenntnis kommen, daß man sein Kind doch lieber hätte mehr auf den Spielplatz gehen lassen sollen als es zum Geige Üben zu verdonnern.
Andererseits: Ich wünschte mir, ich hätte Eltern gehabt, die sich bei Zeiten um einen passenden Klavierlehrer bemühten. Statt dessen wurde mir im Alter von 7 Jahren ein Schimmel-Klavier (igitt!) und ein alter Zigarre rauchender Sack vorgesetzt, dessen einzige pädagogische Fähigkeit war, mir jedes Mal von seiner Lieblingsschülerin vor zu schwärmen. Nach einem Jahr war "zum Glück" Schluß mit dem Theater. Erst in der 10. Klasse fand ich selber wieder zum Klavier und zu einer guten Instrumentalpädagogin - nur leider viel zu spät, als daß ich an eine MuHo - und sei's Düsseldorf, Berlin oder Detmold - hätte gehen können.
Ich möchte noch ein letztes Beispiel heran ziehen:
Die Nazis regten sich über die Omnipräsenz des Judentums auf. Egal, ob in Kunst und Kultur oder Wissenschaft - an vielen bedeutenden Stellen fand man Juden. Die Erklärung für dieses Phänomen ist m.E. eine einfache: Jüdische Kinder haben - als Konsequenz aus der jüdischen (Leidens-)Geschichte - sehr früh gelernt, sich Wissen anzueignen (und wohl auch anzuwenden). Ohne Zwang ist dies sicherlich nicht von statten gegangen ...
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Antwort#11
Hallo Rainer,
Kinderchor ist immer so eine Sache für sich. Die Suzuki-Kinder sind wahrscheinlich sehr diszipliniert, d. h. es ist keinerlei Hinweis nötig sich ruhig zu verhalten, während der Aufführung nicht mit den anderen Kindern zu sprechen und keine Bonbons kleinzukauen oder den Versuch zu unternehmen, die Mikrostative als Klettermast zu gebrauchen.
Kinder nehme ich fast immer mit Omnis auf, damit die Stimmen die ja teilweise recht "mager" sind, nicht noch zusätzlich ausdünnen. Bei Liveaufnahmen könnte das natürlich dazu führen das tendenziell mehr Publikum mitaufgezeichnet wird.
Wenn Solostimmen singen, habe ich eigentlich ganz gute Erfahrungen damit gemacht, ein Solistenmikrofon aufzustellen. Fast alle Kinder finden das cool, sie wissen sehr wohl das sie damit "über den Rest der Sänger gehoben werden". Meist muß mit Tape eine Linie im richtigen Abstand gezogen werden, damit sich die Kinder den Standort merken können und schon geht die Post ab!
Gruß
M. Hein
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Antwort#12
Die Suzukis sind kein Chor, sondern spielen Geige!
Hast Du niemals die Bilder oder Dokumentationen gesehen, wo hunderte Vierjaehrige in Reih und Glied stehen, gerade mal den Bogen halten koennen, und auf Kommando im Gleichtakt ohne Noten leere Seiten streichen? Das ist der Beginn der sog. "Suzuki-Methode"...
Das notenfreie Konzept an sich ist ja nicht schlecht, aber den quasi-militaerischen Drill durch Gruppenzwang finde ich unmoeglich.
Von Isaac Stern ist diesbezueglich der beruehmte Ausspruch ueberliefert: "Diese Lehrer sind alle Verbrecher."
Gruss,
Mathematiker
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Antwort#13
Hallo Mathematicus,
in der Tat kenne ich diese Bilder, ohne sie allerdings jemals mit dem Begriff Suzuki in Verbindung gebracht zu haben. Japan ist ebn doch ein weites Stück weg.
Schön das wir auch unsere Allgemeinbildung nebenbei auffrischen können.
Gruß
M. Hein
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