Aber alles ohne Zwänge und mit Spass. Wer von den Kindern lieber Fussballspielen will, sollte nicht an ein Instrument gezwungen werden.
Damit ist das so eine Sache:
Unsere "Kleine" (5 Jahre) lernt seit einem halben Jahr Geige. Nach jeder Unterrichtsstunde ist es ein förmlicher Kampf mit dem Kind, bis es "endlich" das macht und erreicht, was ihm im Unterricht gezeigt wurde. Sobald sie die geforderten Sachen - meist nach drei Tagen - umsetzen kann, macht es ihr Spaß - und erst recht, wenn sie erkennt, daß sie etwas kann, was sonst keiner beherrscht.
Die "Große" (fast 12 Jahre) hat seit drei Jahren Klavierunterricht - davon die meiste Zeit bei einem Lehrer, von dem ich nichts halte, weil er seine Schüler nicht fordert, sondern in vereinfachten Klaviersätzen das mitgibt, was die Kids spielen wollen. (Inzwischen kann ich weder "Bella Bimba" noch "Peter & der Wolf" mit den immer gleichen Fehlern und Unzulänglichkeiten hören!)
Nach drei Jahren Unterricht kann man deshalb immer noch sinnlose Diskussionen um den Sinn von Fingersätzen führen. In Czerny's erster Etüde aus op. 299 macht die Linke Hand nur einfachste Akkorde, die von Takt zu Takt wechseln, die r.H. macht Tonleiterläufe in 1/16. Das Mädchen hat Probleme (!?), die Akkorde zu spielen. Da ich relativ wenig Zugang zu ihr habe (Stieftochter), bin ich nicht die geeignete Person, um sich mit ihr und diesen Schwierigkeiten auseinander zu setzen. Aber dies ist in meinen Augen ein klassischer Fall, wo ein Schleifen lassen nach dem Lust- & Launeprinzip zu gar nichts führte: Drei Jahre Unterricht und immer noch ein Niveau, das ich in diesem Alter bereits nach einem Jahr erwarte ...
Aber auch in anderen Dingen beobachte ich ähnliches Verhalten: Sobald Schwierigkeiten im Verständnis auftreten, vergräbt sich das Kind erst einmal mit Knatschen und lautem Lamento.
Kinder müssen auch lernen, daß nicht allein die Tatsache, ein Instrument zu besitzen und Unterricht zu erhalten, automatisch dazu befähigt, ein Instrument spielen zu können. In der Schule und später in der Ausbildung und noch später in der beruflichen Fortbildung ist die Fähigkeit, lernen zu können, für die wirtschaftliche Existenz unabdingbar.
Ein anderes Beispiel zu "Lust und ohne Zwang":
Das Humbold-Gymnasium in Köln hat einen musikalischen Zweig mit recht gutem Niveau. Schüler, die diesen Zweig belegen möchten, müssen eine Eingangsprüfung bestehen. Daneben gibt es auch noch einen Zweig für Ballet und Tanz (auch hier gilt: keine Anfänger!). Wer diesen Zweig belegt, hat fünf Nachmittage in der Woche Tanzausbildung und zum Schulabschluß eine ziemlich gute und umfassende Grundausbildung, mit der man schon ins Berufsleben starten könnte. Eltern, die für ihre Kinder einen solchen Beruf vor Augen haben, kommen wohl kaum um den nötigen "Drill" herum.
Natürlich kann man über solche Karriereplanungen durch die Eltern geteilter Meinung sein: Eine noch so solide Ausbildung ist keine Garantie für die künstlerische Eignung noch für beruflichen Erfolg. Und woher weiß man bei einem 5Jährigen Kind, ob es letztlich trotz genialer Begabung nicht etwas ganz anderes machen wird? In diesem Fall wird man im Nachhinein zu der Erkenntnis kommen, daß man sein Kind doch lieber hätte mehr auf den Spielplatz gehen lassen sollen als es zum Geige Üben zu verdonnern.
Andererseits: Ich wünschte mir, ich hätte Eltern gehabt, die sich bei Zeiten um einen passenden Klavierlehrer bemühten. Statt dessen wurde mir im Alter von 7 Jahren ein Schimmel-Klavier (igitt!) und ein alter Zigarre rauchender Sack vorgesetzt, dessen einzige pädagogische Fähigkeit war, mir jedes Mal von seiner Lieblingsschülerin vor zu schwärmen. Nach einem Jahr war "zum Glück" Schluß mit dem Theater. Erst in der 10. Klasse fand ich selber wieder zum Klavier und zu einer guten Instrumentalpädagogin - nur leider viel zu spät, als daß ich an eine MuHo - und sei's Düsseldorf, Berlin oder Detmold - hätte gehen können.
Ich möchte noch ein letztes Beispiel heran ziehen:
Die Nazis regten sich über die Omnipräsenz des Judentums auf. Egal, ob in Kunst und Kultur oder Wissenschaft - an vielen bedeutenden Stellen fand man Juden. Die Erklärung für dieses Phänomen ist m.E. eine einfache: Jüdische Kinder haben - als Konsequenz aus der jüdischen (Leidens-)Geschichte - sehr früh gelernt, sich Wissen anzueignen (und wohl auch anzuwenden). Ohne Zwang ist dies sicherlich nicht von statten gegangen ...