Frage an die Klassik-Spezialisten

Erstellt 21 Antworten22 Beiträge
Startbeitrag#1
... beim morgendlichen Klassikradio-Hören (DRS2) fällt mir gelegentlich bei kleinen Ensembles auf, dass teilweise enorm laute Nebengeräusche auf der Aufnahme sind. Heute konkret bei einer Aufnahme des Leipziger Streichquartetts: Rhythmische, laute Atemgeräusche, ich nehme an, dass die von Musikern stammen.
Muss das sein? Schön ist es nicht ...


Jazz Records
ZitierenPost melden
Antwort#2
Musiker, die nicht mehr atmen, spielen zumeist auch nicht mehr. :)
Es gibt viele Aufnahmen, auch symphonische, wo der Dirigent mitbrummt, der Pianist mitpfeift, und gerade das Atmen erzeugt ja auch viel Spannung. Auch wird das Einatmen des Chores am Anfang eines Stückes eigentlich nicht weggeschnitten, weil damit viel Atmo verloren ginge.
Ich finde das aber eigentlich nicht als störend - bei leiser Musik ist es eben so, dass Nebengeräusche stärker hervortreten.
ZitierenPost melden
Antwort#3
Kann es ein, daß manche Klassiksender doch auch recht stark die Dynamik eingrenzen? Ich habe im ARD-Nachtkonzert vom HR öfter den Eindruck, daß da was ganz wild pumpt.
Das verstärkt natürlich die Atem- und ähnlichen Nebengeräusche ein bißchen gegenüber der Originalaufnahme.
An sich stören mich Geräusche, die zur Musik gehören, und insbesondere Atem der Musiker, nicht sonderlich. Freilich sollten sie nicht an prominenten Stellen auftauchen, da man sonst jedesmal, wenn man die CD hört, nur aufs Notenständerklappern wartet.
Man denke nur an Glenn Gould!
ZitierenPost melden
Antwort#4
Ich weiss nicht, ob es eine Eigenschaft der Leipziger ist, dass sie überdurchschnittlich laut atmen? Vielleicht ist es auch der asthmatische Tonmeister, der im Aufnahmeraum darum bangt, dass ausladende Bewegungen der Musiker ein gefährlich nah am Bühnenrand stehendes Stativ zum Umkippen bringt.
Aber mal ernsthaft: Wie bei Musikern gibt es oft auch bei Tonleuten den Hang zu (übertriebener?) Authentizität. Bei Liveproduktionen, wie sie nicht selten im Radio zu hören sind, ist dann auch manchmal ein Stuhlknarren oder Publikumshuster nicht zu vermeiden. Nur wenn es im Rahmen bleibt ist das ok.
Das, was für einen Zuhörer ausserhalb des Aufnahmeraums in Wirklichkeit störend ist, ist der fehlende visuelle Eindruck. Das Geräusch des Notenumblätterns hat also auf einer reinen Tonaufnahme nur deshalb nichts zu suchen, weil der Zuhörer das Umblättern nicht sieht und somit nicht zuordnen kann. Sässe er im Konzert, wäre das weniger ein Problem. Mit dem Atmen lebt auch die Musik, nur bei übertrieben lautem Schnaufen sollte sich der Tonmeister was einfallen lassen.
ZitierenPost melden
Antwort#5
Hallo Uwe,
wie mittlerweile fast überall im Rundfunk: Laut ist geil, also den Orban aufgedreht bis zum Anschlag.
Sehr negativ fällt mir das übrigens bei den Satellitenkanälen der Rundfunksender auf, bei denen selbst im Klassikbereich manchmal 6dB Dynamik schon sehr viel ist. Die Kombination von Mpeg UND Kompressor/Limiter ist manchmal unerträglich.
mfg
Gerhard
ZitierenPost melden
Antwort#6
Wie lange wird es noch dauern, bis das auch bei kommerziellen CD Produktionen "normal" ist ?
ZitierenPost melden
Antwort#7
Da ja beim durchschnittlichen Konsumenten der Rundfunk bzw. der Lieblingssender einen starken Einfluß auf die Hörgewohnheiten (also auf die Empfindung, was "guter" Klang sei) hat, dürfte das nicht mehr so sehr lange dauern.
Übrigens auch die Moderatoren, die in den letzten Takt schon reinquatschen und meistens nur noch einen Satz statt des kompletten Werkes spielen dürfen. Es betrübt mich ein bißchen, daß das ehemals wirklich gute Bayern 4 inzwischen nur noch nach 22 Uhr anhörbar ist. Früher konnte man mal über interessante aber unbekannte Werke stolpern, wenn man Radio hörte - heute braucht man dazu das Nachtkonzert. Irgendwer meint, man müsse jetzt so cool werden wie Popsender, und man könnte das durch ähnlichen Programmaufbau erreichen. Ich schalte regelmäßig aus, wenn auf ein Haydn-Adagio dann entweder Gregorianik oder mäßige Filmmusik folgt. Davon, daß ein Werk komplett eine Einheit bildet, scheinen die Verantwortlichen nichts mehr zu wissen. Möglichst viel Abwechslung. Am Schluß kommt dann weder Erbsensuppe noch Linseneintopf heraus, sondern im besten Falle Leipziger Allerlei - meistens aber Mamas Restetopf.
Wiener Schnitzel gibt es dann nur noch 12 cm groß und silbern. Wir sollten aufpassen, daß zwischen dem Restetopf und dem Schnitzel auch ein Dynamikunterschied bleibt.
sorry, das mußte ich einfach mal loswerden.
ZitierenPost melden
Antwort#8
Wiener Schnitzel gibt es dann nur noch 12 cm groß und silbern.
Wir sollten aufpassen, daß zwischen dem Restetopf und dem
Schnitzel auch ein Dynamikunterschied bleibt.
Wozu eigentlich?
ZitierenPost melden
Antwort#9
Wiener Schnitzel gibt es dann nur noch 12 cm groß und silbern.
Wir sollten aufpassen, daß zwischen dem Restetopf und dem
Schnitzel auch ein Dynamikunterschied bleibt.
Wozu eigentlich?
ZitierenPost melden
Antwort#10
Hallo pkautsch,
ich gebe Dir zwar in einigen Punkten Recht, dennoch muss man gerade bei
Symphonien vor ca. 1890 miteinbedenken, dass auch diese damals nicht als
Komplettwerk aufgefuehrt wurden, sondern teilweise einzelne Saetze durch
heftige Akklamation des Publikums wiederholt werden mussten.
Dazu gibt es etliche Zeitzeugenberichte.
Die Idee des Gesamtkustwerks kam ua. durch Wagner und wurde von Mahler
bevorzugt.
Vier (bis fuenf...) Saetze still zu sitzen und sich auch in den Pausen
nur minimal zu ruehren ist eher eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts,
die gegenwaertig durch etwas barocke Tendenzen wieder abgeloest wird, bei Konzerten (zB Wiener Philh. & BobMarley) zu tanzen und eine Athmosphaere wie in einem Jazz-Club zu schaffen.
Gruss,
Mathematiker
ZitierenPost melden
Antwort#11
""Der Rundfunk als McDonalds der Musik""
Als gelegentlicher Radiohörer weiß ich: Da gehört kein Fragezeichen mehr hin,
der Rundfunk IST das McDoof der Musik. Kann das wirklich noch jemand in Frage stellen? Das Wort "Formarradio" mit all seinen unerträglichen Konsequenzen sagt doch schon alles. Mal sehen, wie lange ich DAFÜR noch bezahle...
Übrigens stören mich die audiotechnischen Aspekte (und die sind wahrlich schon schlimm genug...) einen Sch**ss gegenüber den Folgen, die durch den reinen "Inhalt" entstehen: Die tatsächliche "McDonaldisierung" der Musikindustrie - alles muß zu jeder Zeit gleich (fad) schmecken bzw. klingen.
Um es mit Zappa zu sagen: "Kill ugly Radio"
Gruß,
Christopher
ZitierenPost melden
Antwort#12
Nun, ich denke, daß ich nicht der Einzige bin, der eine gewisse "Natürlichkeit" bei Lautsprecherklassik erwartet. Den Live-Eindruck kann man nie künstlich erzeugen, das ist ganz klar, und dezente Dynamikeingrenzung halte ich auch bei Klassik für durchaus sinnvoll (man dreht eben im Wohnzimmer nicht so weit auf, daß das Orchester wirklich so laut aus dem Lautsprecher kommt wie im Gasteig in der 7. Reihe), damit man eben auch die leisen Passagen noch hört. Das sollte man aber m.E. nur zu einem kleinen Teil den Maschinen überlassen (z.B. kurze Pegelspitzen vom Schlagwerk...) und den anderen Teil (die Dynamik, die in den Noten steht) per Hand machen. Und auch nur dezent. Das alles durch Limiter zu jagen halte ich für verfehlt.
Wenn also der anspruchsvolle Verbraucher Dynamik haben will, dann sollte man ihm auch die Möglichkeit geben, Dynamik zu haben. Wenn das Radio diese Möglichkeit nicht mehr bietet, wird er eben auf andere Medien (12 cm und silbern...) ausweichen.
Und wenn die "breite" Masse den Radioklang (oder sollte ich schreiben "Radiosound"?) haben will, dann dürfte es ja bei den heutigen Speicherkapazitäten eigentlich auch kein Problem sein, auf eine DVD-Audio zwei Versionen zu packen. Eine Lautistgeil-Fassung fürs Auto, und eine Dynamik-Fassung für die gute Heimanlage. Auf der DVD-Video sind ja auch mehrere Sprachen drauf.
ZitierenPost melden
Antwort#13
Du hast historisch gesehen natürlich völlig recht: vor der "Institutionalisierung" der Musik und ihrer "Erhebung" zur "Ernsten" Musik gab es durchaus vielfältige Möglichkeiten. Auch der Urheberbegriff war noch nicht so wichtig wie heute, und es konnte auf einem Programmzettel durchaus stehen "Eine Ouverture - Eine Sinfonia - Ein Konzert für zwei Violinen" ohne daß Komponisten namentlich erwähnt waren. Dies hat natürlich mit dem Rahmen zu tun, in dem die Musik stattfand: der Komponist war entweder anwesend oder man konnte den Kapellmeister hinterher fragen, wenn es denn wirklich interessierte (vielleicht weil man als Graf diesen Komponisten gerne verpflichten wollte).
Den Zeitpunkt würde ich allerdings doch etwas früher ansetzen als 1890, spätestens bei der Eroica. Die Einheit eines mehrsätzigen Werkes kommt m.E. ca. mit der Verbreitung der Gattung "Streichquartett" Ende des 18. Jh. auf - das Streichquartett erhielt ja recht bald, nachdem es als solches und nicht mehr als "Divertimento" (wörtlich: "U-Musik"!) bezeichnet wurde, den Status des "Elitären" und der "Musik für die Ausführenden".
Im geistlichen Bereich ist eine Einheit schon durch den liturgischen Rahmen festgelegt, so daß es z.B. einfach nur FALSCH ist, den Eingangschor aus dem Weihnachtsoratorium einzeln aufzuführen (freilich ist das WO in seiner heutigen Form auch nicht historisch korrekt, denn es handelt sich ja eigentlich um 6 Kantaten zu 6 unterschiedlichen Feiertagen! Korrekt wäre also eine Aufführung an den entsprechenden Tagen). Und wenn jemand ein Kyrie singt, dann sollte auch ein Christe und ein zweites Kyrie folgen (historisch würde man eher einen Teil des Satzes weglassen, weil der Liturg mit seinen Handlungen fertig ist und man zum Gloria weiterschreiten möchte).
Außerdem: vor Mendelssohn wurde ja meistens nur die gerade moderne, frisch komponierte Musik aufgeführt. Eine Gegenüberstellung eines Haydn-Adagios und eines gregorianischen Chorals gab es garantiert nicht (schon weil das Adagio seinen Ort im Festsaal von Schloß Esterhazy und der Choral seinen Ort in einer katholischen Kirche hatte - keins von beidem jedoch auf dem Pflug des Bauern auf den Feldern um Schloß Esterhazy!), und insofern ist das, was BR 4 genau wie KlassikRadio tut, sehr falsch.
ZitierenPost melden
Antwort#14
Aber gibt es (gab es) nicht eine Richtlinie in der ARD, den Sendepegel (oder wie der terminus technicus dafür auch immer lautet) bei klassischen Werken/Programmen um soundsoviel dB abzusenken, gerade zum Zweck der Beibehaltung der originalen Dynamik, um Dynamikspitzen, wie sie in der klassischen Musik auftreten, abfangen zu können?
Ich weiß noch, wie ich als Halbwüchsiger, dem die vermeintlich "leise" Klassik im Radio aufgefallen war, in den Siebzigern mal einen Bekannten beim Süddeutschen Rundfunk danach gefragt habe - und ich meine, er habe etwas in dieser Richtung erwähnt...
ZitierenPost melden
Antwort#15
... aber bei der letzten Bastion, der ARD, ist der "Kulturauftrag" ausgezogen und der "Kommerz" eingezogen. Damit ist die "Richtlinie" hinfällig geworden.
Das begründet den Orban Optimod-FM 8500, der kräftig angefahren wird, was auch deutlich zu hören ist.


Orban Optimod-FM 8500
ZitierenPost melden
Antwort#16
(Hm.. die Seite zeigt "Audioexport Georg Neumann GmbH" - hat sich der Mikrofonhersteller neue Geschäftsfelder erschlossen?)
ZitierenPost melden
Antwort#17
Naja, soo pauschal würde ich das nicht unterschreiben. Sicher, der jetzige "NDR Kultur" hat mit dem früheren NDR3 nicht mehr viel zu tun in seiner Beliebigkeit und Musik- und Themengestaltung. Aber beispielsweise MDR Figaro oder Deutschlandradio Berlin sind (für mich zumindest) noch die letzten Bastionen dessen, was "Kulturradio" früher einmal war.
ZitierenPost melden
Antwort#18
Die Firma "Audioexport Georg Neumann & Co. GmbH" in Heilbronn als Vertriebshaus für professionelle Audiotechnik und Systemlieferant für Broadcast hat nichts mit der Georg Neumann Mikrofonabteilung in Berlin zu tun. Mikrofon-Neumann steht unter den "Fittichen" von Sennheiser Electronic GmbH & Co. KG Wedemark.
ZitierenPost melden
Antwort#19
Sicher, bei uns gibt es WDR3 und das ist auch noch "Kulturradio" (was für ein dummes Unwort...). Aber: Warum sollte ich mir klassische Musik denn unbedingt im Radio anhören??
Mir geht es - Verzeihung für diesen Frevel - vielmehr um die Kultur, die unserer Zeit entspricht. Und da mag ein Uneingeweihter denken, diese moderne Kultur bestünde nur aus akustischen Peinlichkeiten und Müll (das was sich heute Popmusik nennt) und lauscht dann lieber klassischer Musik im "Kulturradio" (klar, echte "Kultur" ist vermutlich dann auch nur das "Klassische"....), wundert sich aber, das Klassik und Radio nicht mehr zusammenpassen.
Solche Hörer stellen eine so verschwindend geringe Menge der Radiohörer, das ich mich Frage, warum sie überhaupt noch bedient werden. WDR3 jedenfalls ist auch schon ein bißchen in die Breite gegangen und widmet sich nun auch verstärkt avangardistischer Musik und Jazz - Musikrichtungen, die bisher noch weniger Berücksichtigung fanden als die Klassik-Suppe. Von daher sehe ich das Positiv. Jedenfalls verstehe ich die Aufregung um den Klassik-"Sound" nicht so recht.
Klassik ist kein Radiokompatbles Format: Sie dient nicht der Hintergrundberieselung und ist z.T. dynamisch zu anspruchsvoll für UKW-Radio (es sei denn man toleriert bei p-Passagen ein sattes Rauschen). Wer allerdings auch rund um die Uhr mit solcher Musik berieselt werden will, sollte sich um die Dynamik-Einbußen nicht scheren und lieber froh sein, das es sowas überhaupt noch gibt. Die grausamen Alternativen heißen "Jugendradio" (1Live, N-Joy...) oder Lokalfunk ("Hausfrauensender").
Im Regen stehen vor allem die, die aus dem Radio noch irgendwelche (musikalische) Innovationen erwarten. Klassik gehört da gewiß nicht zu. Popmusik aber auch nicht - die einzige "Innovation" ist der stetige Qualitätsverlust.
Gruß,
Christopher
ZitierenPost melden
Antwort#20
Ich denke, diese 'Orbanisierung' kommt einfach auch aus (vermeintlichen) Kostengesichtspunkten. Wenn ich einen Optimod im Sendeweg habe, kann ich einfach alles 'draufschmeissen' und erspare mir einen Techniker, der mal von Hand ein bisschen nachregelt. (Stichwort: Vollautomatischer Sendebetrieb)
Es soll sogar Sender geben, die haben im Ausspielweg einen Orban und im Eingang des Senders hängt (aus Sicherheitsgründen!!!) nochmal einer, der dann die letzte Dynamik plattmacht.
Ich warte nur noch drauf, dass man (aus Kostengründen) die Orbans durch Behringer ersetzt und dann alles gnadenlos als MP3's mit 128kbit/s ausspielt (wieder ein Format und teuren Speicherplatz gespart)
schönes Wochenende
Gerhard
ZitierenPost melden

Deine Antwort

Du kannst ohne Anmeldung schreiben.