Habe mal die Mikrofonaufstellung einer Aufnahme der Stadtkapelle Friedberg (Hessen) als Bild eingestellt. (Hoffentlich klappt der Link). Bitte mal Eure Meinung.
Hi Rainer, sehr interessant! Ein Plan dieser Art für Mikrofonierung ist ein sinnvolles Tool und gehört, wie das Script der Aufnahmesitzung zur Dokumentation eines Projekts. Ich nehme für solche Sachen 'Visio Pro5.0', nummeriere die Mikros praktischerweise durch, wie sie den Kanälen zugeordnet sind, zusätzlich versehen mit Höhe und Neigungswinkel. Das fehlt hier, aber ein Foto tuts ja auch... Jetzt hättest du gerne eine Meinung zur Auswahl und der Aufstellung? Dazu wüsste ich gerne mehr über das Musikprogramm, die Situation am Ort (Raumakustik, Konzert- oder normale Produktion?), deine Klangvorstellung und die des Dirigenten. Besteht bei stützen von Bläsern nicht generell die Gefahr, dass der zulässigen Grenz-SPL der Mikrofone überschritten werden kann? Ich würde mir hier mal mehr 'Workshops' dieser Art zum Erfahrungsaustausch wünschen. Gruss stefan
Hallo Stefan, das war ein Live-Konzert und das Programm war gemischt von Klassik bis Moderne. Die Raumakustik war relativ trocken, aber durch die Nahmikrofonierung wurde diese ohnehin schon weitestgehend ausgeblendet und es wurde künstlich verhallt. Wie zu erkennen ist, habe ich das Schlagzeug nur spärlich mikrofoniert, weil ich es dezenter halten wollte. Bei Bläserstützen: Ich habe bisher noch nie Probleme gehabt mit Erreichung des Grenzschallpegels, selbst dann, wenn das Mikrofon aus nur geringen Abständen angespielt wird. Da braucht man also nichts zu befürchten.
Diese typischen gemischten Programme von Marschmusik, Musical bis zu klassischen Transkriptionen für Blaskapelle sind nur mit Polymikrofonie oder Multimikrofonie aufzunehmen. Die unterschiedlichen Anforderungen an die Wünsche des Dirigenten sind je nach Arrangement nur so in den Griff zu bekommen. Die Aufnahmeschmiede Bauer-Tonstudios in Ludwigsburg hat auch auf diese Art die berühmten Aufnahmen mit Ernst Mosch und seinen Original Egerländern so gemacht. Die Holzbläser sind in der Natur etwa 10 dB leiser, als die Blechbläser. Das Noten-Arrangement nimmt darauf keine Rücksicht und so muss die Aufnahme die Klanggruppen lautstärkemäßig angleichen. Den Rest muss der künstliche Hall eben machen. Das Ergebnis ist ein voll synthetisches Produkt. Aber es geht wirklich nicht anders zu verwirklichen. Man höre sich nur mal solche Aufnahmen an, die nur mit einem XY-Mikrofonsystem gemacht wurden. Kein Vergleich. Jürgen
Hi Rainer, ich würde mir überlegen, vielleicht doch noch zwei Kugeln etwas breiter als A/B zu hängen - auf keinen Fall zu weite weg, sagen wir mal im Bereich des vorderen Randes des Orchesters, nicht viel höher als 3,5m. Damit könnte man die Gruppen besser "zusammenleimen", und nachher geschickter mit dem Nachhall umgehen. Ich würde dann immer noch von den Einzelmikros ausgehen und den A/B nur soviel dazumischen, wie nötig. Ist natürlich sehr vom Podium/Raum abhängig, sind die Reflektionen dort schon sehr stark und kurz kann es sein, dass das A/B-Signal nur stört. Ich glaube, das im Zusammenhang mit dem produzierten Schalldruck und Abstrahlcharakteristik der meisten Instr. das nicht so ein grosses Problem wird. Was meinst Du? Ich habe übrigens schon mal Probleme gehabt mit zu hohen Schalldrücken bei Mikros, jedoch war das auch wirklich lächerlich laut. Es kann aber vorkommen - bloss hilft da meist nur eine andere Mikrofonwahl, da die Verzerrungen nicht nur elektrischer Natur sind. Gr. Dirk
in der Verwendung eines A/B-Paares als HM sehe ich im Prinzip keine aufnahmetechnischen Probleme. Nur das Publikum selbst ist das Problem, denn das saß nur so ca. 2 Meter vor der Bühne. Diese ganze Aufnahme entstand übrigens im Rahmen einer Übung unserer Studenten.
Hallo Rainer, hmm, das mit dem Publikum ist natürlich ein Problem... Ich meinte übrigens den A/B nicht einmal pur als Hauptsystem. Klar, so könnte man es auch gebrauchen, aber es ist schon ein wesentlicher Unterschied, ob man anfängt mit den Einzelmikrofonen und dann das A/B-Signal dazumischt, oder umgekehrt. Das muss gar nicht heissen, dass der A/B per se an einer anderen Stellen steht/hängt, bloss konzeptionell besteht ein Unterschied, der sich meiner Meinung nach durch eine unterschiedliche Herangehensweise auch im Endprodukt bemerkbar macht. Das ist BTW eine Sache, die gerade für Studenten sehr wichtig ist, zu verstehen. Während meines Studiums habe ich das immer wieder festgestellt. Gr. Dirk
Hallo Rainer, woher kommt bei LIVEAUFNAHMEN nur die panische Angst vor dem Publikum? Ich begreife die Zuhörer nicht nur als raumakustische Dämpfungsglieder, sondern durchaus als aktives Element einer Aufführung. Meine Meinung: Wenn ihr kein Publikum wollt, macht doch besser eine Studioaufnahme, das spart Zeit und Geld. Gruß M. Hein
Auch wenn im Blasmusikfalle die Publikumsgräusche bei einer Live-Aufnahme kein Problem darstellen, so sind sie es bei hochdynamischen klassischen Aufnahmen. Kein Kritiker lässt eine Bemerkung über das Publikum aus, wenn es auf der Aufnahme stört. Auch wenn auf der CD-Hülle angegeben ist, dass das eine Live-Aufnahme ist. Publikumsstörung wird mit bösen Blicken im Konzert hingenommen. Man ist ja dabei und kann den Verursacher sehen. Anders verhält sich das bei Tonaufnahmen. Wenn man zu Haus alleine in der Stille von der CD das Live-Husten hört, so ist man doch verwundert. Es ist psychoakustisch bekannt, dass unmusikalische Geräusche auf Aufnahmen wirklich sehr verunsichern und viel stärker stören, als beim Konzert selbst. Auch der "Kulturauftrag" des öffentlichen Rundfunks wird manchmal mit offengelassenen (vergssenen) Publikums-Mikrofonen bei Konzerten sorgfältig erfüllt. Schrecklich!
Wie bitte? Hochdynamische klassische Aufnahmen sind eigentlich immer schlechte Aufnahmen. Gute klassische Aufnahmen erwecken den Eindruck von der gewünschten Dynamik, ohne sie wirklich zu verwenden. Es ist einfach nicht richtig, wenn man glaubt, dass Aufnahmen von Sinfonie-orchestern oder Kammermusikgruppen darauf abzielen, höchtmögliche Dynamik einzufangen. Allein die Verwendung von Stützmikrofonen sorgt schon für eine gewisse Art der dynamischen Komprimierung, die gezielt eingesetzt werden kann. Daneben kenne ich wenig Blasorchester, ob es nun Harmonieorch. oder Big Bands sind, die nicht auch einen grossen Dynamikumfang besitzen. Da steht man vor einem ähnlichen Problem wie bei einem grossen Sinfonieorchester, das den letzten Satz von Mahler 6. spielt. Was den Gebrauch von Publikumsmikrofonen angeht: alleine die Anwesenheit eines Publikums im Aufführungsort ändert einiges. Dass man störende Geräusche nicht aufnehmen will, ist doch klar. Viel mehr gilt es das einzufangen, was man gerne "Atmosphäre" nennt, oder von mir aus auch unterbewusste (in der Aufnahme) Interaktion mit dem Programm. Verunsichert bin ich auf jeden Fall noch nie durch einen Huster. Dirk
""Verunsichert bin ich auf jeden Fall noch nie durch einen Huster"" Gerade die stören mich am meisten. Ich könnte geradzu rasend werden, wenn immer ausgerechnet dann ein Huster kommt, wenn ein pp oder ein verklingender Nachhall oder sonstige heikle Stellen sind. Es ist eine gewisse Disziplin der Zuhörer im Saal, nicht zu husten. Ich habe immer wieder die Beobachtung gemacht, daß in Konzerten wo Musikhörer sitzen die sehr musikverständig sind, kaum mal gehustet wird, während bei einem Publikum das wenig von Musik versteht und nur anwesend ist "um gesehen zu werden" die Husterei zum verrückt werden ist. Konzentriert man sich stark auf die spielende Musik, dann "vergißt" man einfach das Husten, selbt dann wenn man erkältet ist und ständig Hustenreiz hat.
Hi, gibt es eigentlich wissenschaftliche Untersuchungen des Phänomens 'Konzerthuster'? Es muss doch irgend einen Grund für den gesteigerten Hustenreiz bei bei solchen Anlässen geben. Ist es die Raumluft, psychologische Aspekte...? gruss joachim gruss joachim
Mein Alptraum wäre eher Handyklingeln! Es ist schon traurig, dass vor Konzertbeginn immer wieder darauf hingewiesen werden muss, das Ding bitte auszustellen. Und dann kann man nur noch hoffen...
Ich war unlängst bei einem Konzert, wo man das Publikum schmunzeld daran erinnert hat, nicht zu vergessen, das Handy nach dem Konzert wieder einzuschalten... (hat wunderbar funktioniert) Hermann
Ein Tonmeisterkollege vom HR sagte mir mal, daß das Husten gewissermaßen psychologisch bedingt sei, wenn gerade beim pp gehustet wird. Er hatte auch eine Erklärung dafür, allerdings weiß ich die heute nicht mehr weils schon zu lange her ist. Ob es dafür wissenschaftliche Untersuchungen gibt, ist mir nicht bekannt.
Hallo Dirk, "stochastische" Signale wie Huster empfinde ich als störend, weil sie nicht zur Musik passen. Ein auf dem Podest hüpfender Dirigent oder starke Atemgeräusche von Pianisten (z.B. Helene Grimaud) stören mich dagegen kaum oder nicht, weil sie in gewisser Weise im Takt sind. Was die Dynamik von Klassikaufnahmen angeht, so habe ich festgestellt, daß deutlich komprimierte Tonaufnahmen zu denjenigen gehören, die bei mir nach kurzer Zeit wegen Lästigkeit aus dem Wiedergabegerät fliegen. Oberwellen und Einschwingverhalten der Instrumente sind von der Spiel-Lautstärke abhängig, ebenso die Empfindlichkeit des Gehörs als Funktion der Frequenz (Fletcher/Munson bzw. Robinson/Datson). Ein fortissimo gespieltes Instrument ist bei geringer Wiedergabelautstärke sofort als laut gespielt zu erkennen. Man hört bei Kompression sofort, daß da was nicht zusammenpaßt. "Natürliche Kompression" durch einen höheren Anteil des Diffusfeldes des Aufnahmeraumes ist davon natürlich nicht betroffen, führt aber leicht zu einem undurchsichtigen Klangbild. Gruß Andreas